von András Cserna-Szabó

»auf dem Erdenrund gibt‘s einen Ort,
an dem ich ohne Sorge bin:
die tiefe See, wo die Gischt mir musiziert.«
George Gordon Byron

Pusztakrece kann man am ehesten mit einer Python vergleichen: Lang, dünn, und wenn du nicht aufpaßt, erdrückt sie dich. Das Dorf nimmt an der Landstraße seinen Anfang (wenn du von Pest kommst, mußt du links abbiegen) und ist nach anderthalb Kilometern beim Bahnhof zu Ende. Noch zu Beginn der 80er Jahre wurde die Hauptstraße betoniert, doch keine der von ihr abzweigenden Gassen. Auf diesen holprigen Sandstraßen gelangt man zu den Folientunneln, zum Damm, zur LPG oder in das winzige Eichenwäldchen, doch verlassen kann man das Dorf nur über Kopf dieser Betonschlange1 (Bushaltestelle) oder die Schwanzspitze (Bahnhof).

Der Bahnhof wurde im Jahre Tausendachthundertvierundneunzig eingeweiht. Auf den einsamen Schienen verkehren seitdem ein einziger Zug in die Stadt (morgens) und einer zurück (abends). Von der einstigen Eröffnung gibt es einige Dokumente im Komitatsarchiv, laut dieser war der Parlamentsabgeordnete des Wahlkreises, ein gewisser Graf Lossonczy, anwesend, wurde in faßgroßen Kesseln Lammgulasch gekocht, wurden Gänse gebraten und sang der Frauenchor des Dorfes vor dem kleinen Bahnhofsgebäude, das im klassizistischen Stil errichtet worden war, ungarische Volkslieder (abschließend die Kaiserhymne (Gott erhalte, Gott beschütze) und die ungarische). Doch mit keiner Zeile wird darüber berichtet, was nach der langen und blumigen Ansprache von Graf Lossonczy geschah, im Laufe derer er das Wort »cirkumstancia« angeblich zweiunddreißig Mal verwendete.

An diesem lauen Maiabend traf der erste Zug in Pusztakrece ein. Mit diesem Zug kamen all die Notabilitäten der Stadtverwaltung, die sich die langweilige Eröffnungsfeier nicht antun, das Sauf- und Freßgelage am Abend sich jedoch auf keinen Fall entgehen lassen wollten. Die Herrschaften steckten im Bahnhofsrestaurant bis in den Morgen dem Zigeunerprimas Geldscheine zu und erklommen mit einigen Schwierigkeiten die erste Zugsgarnitur, die Pusztakrece verließ, und gaben dem Dorf nie wieder die Ehre.

Und die Frauen des Dorfes begannen das Gasthaus aufzuräumen. Als sie die Asche zusammenkehrten, die Zigarrenstummel, die abgenagten Lammknochen zusammenklaubten, die Sektkorken, die Zahnstocher mit blutiger Spitze, die zusammengeknüllten, vom Gulaschsaft durchtränkten Servietten, erblickten sie unter einem Sessel einen Vulkanfieberkoffer. Adreßzettel war keiner dran, nur ein Emblem des Hotels zur Blauen Gischt, Abazzia. Die Reisetasche war von so vielen Taschenmesserstichen übersät, als ob jemand in ihr einen Todfeind erkannt haben mochte. Wie es in ihrer Natur liegt, waren die Frauen neugierig, außerdem glaubten sie, vielleicht irgendeinen Schatz in ihm zu finden, deshalb öffneten sie den Koffer.

In der Vulkanfiebertasche schlummerte friedlich ein glatzköpfiger Säugling. Er hatte Wimpern lang wie ein Besen, seine Windeln waren neu, samtweich und schneeweiß.

»Ein teurer Koffer, saubere Windeln, feine, lange Finger, dieser Balg ist sicherlich der Fehltritt eines der vornehmen Herren!«, meinte eine der Frauen (eine gewisse Frau Lajos Pelle), dann nahm sie das Neugeborene aus der Tasche in ihren Schoß und begann es zu wiegen. Eine andere (eine gewisse Frau Pál Mézes, verwitwet) lief zum frischgebackenen Bahnhofsvorsteher, um ihn über die Ereignisse zu informieren. Der Vorstand schickte nach dem Doktor (einem gewissen Herrn Ferenc Lakos), der das Kind untersuchte, und dabei feststellte, daß es weiblich ist, gesund und vielleicht anderthalb Monate alt.

»Den Vater müßten wir finden«, schlug der Doktor vor und erklärte seinen Plan. »Wir müssen all jenen Herren aus der Stadt, die sich gestern hier vergnügt haben, einen Besuch abstatten, irgendeinem wird das Kind schon ähnlich sehen.«
»Nein!« Der Bahnhofsvorsteher winkte ab (ein gewisser Herr Géza Wintermüller). An seiner feschen Uniform glänzten die Knöpfe, wie die Augen einer Schlange.
»Nein«, wiederholte er. »Wer auch immer es hier gelassen hat, er wollte es loswerden. Wir werden es aufziehen.«
»Wer soll das sein: Wir!?« fragte der Doktor, weil er wußte, daß der Vorstand weder einen Hund, noch eine Katze hatte, Junggeselle war der Gute.

»Die MÁV«, antwortete Herr Wintermüller stolz, und stand Habt-Acht!, als ob er einem Vorgesetzen Meldung machen würde. »Die Ungarischen Staatlichen Eisenbahnen werden sie erziehen…« Nach kurzem Überlegen fügte er noch hinzu: »Und sie soll Magyar Ágnes Valéria heißen!«
»Warum gerade so?« fragte Dr. Lakos mit großen Augen.
»So wie Magyar Állami Vasutak, Ungarische Staatliche Eisenbahnen.«, erwiderte der Vorstand stolz und nahm dem Doktor das Wickelkind aus der Hand.

Der Bahnhofsvorsteher erzog Magyar Ágnes Valéria in relativem Wohlstand zu einem aufrichtigen Menschen, ach ja, nicht auf seine eigenen Kosten, sondern auf Kosten des Staates. Die Eisenbahngesellschaft kam für das Schulgeld auf, unter einer einzigen Bedingung: Nachdem das Mädchen ihre Reifprüfung abgelegt hätte, müßte sie bei der MÁV die Arbeit aufnehmen, den Eisenbahnen bis an ihr Lebensende zu Diensten sein.

Im Sommer des Jahres Eintausendneunhundertzwölf legte Magyar Ágnes Valéria die Maturitätsprüfung ab. Sie beherrschte drei Fremdsprachen (Deutsch, Französisch, Englisch). Herr Wintermüller hatte das Sprachenlernen deshalb für unentbehrlich gehalten, weil er fest davon überzeugt war, daß Pusztakrece (da es ergiebige Thermalquellen hatte) sich innerhalb kurzer Zeit zum allseits bekannten Kurort entwickelte, in den Horden ausländischer Kurgäste strömen würden.

M.Á.V., die man in einem Vulkanfieberkoffer gefunden hatte, nahm am Ende des Jahres die Arbeit auch auf, und zwar als Kartenverkäuferin des MÁV-Bahnhofes Pusztakrece. Sie wurde der Kasse Nr. 1. zugeteilt, was nicht weiter verwunderlich war, gab es doch in der Bahnstation nur eine einzige. Ihr lockiges, rotes Haar trug sie während des Dienstes immer zu einem Zopf geflochten, nur beim Radfahren trug sie es offen, damit der Fahrtwind mit ihm spielen konnte. In ihrem sommersprossigen Gesicht war stets ein Lächeln und ihre Manieren waren erstklassig. Und sie hatte Brüste, vergleichbare gab es im ganzen Dorfe nicht. Man tuschelte auch: »Man sieht es diesem Mädel gleich an, daß sie nicht von hier ist, solche Euter wachsen nur in der großen Stadt.« (Und der Volksmund glaubte auch gleich zu wissen, daß die Mutter von Agnes Valeria nur irgendein »liederliches Frauenzimmer« sein konnte, denn ausschließlich die städtischen Kassiererinnen und die Freudenmädchen hätten solch unglaublich riesige Dutten.)

Der alte Herr Wintermüller war seinem Schicksal überaus dankbar, mußte er denn, obwohl er nie eine Ehefrau gefunden hatte, sein Leben nicht ohne Kind verbringen. Von dem Tag an, als Ágnes Valéria offiziell als Kassiererin eingesetzt worden war, ging er nach dem Mittagessen mit noch geschwollenerer Brust auf dem Perron auf und ab. Er dachte immer darüber nach, was das Leben denn sei, und kam immer zum Schluß, daß er zwar nicht wisse, was das Leben sei, es aber schon irgend etwas ganz Gerechtes sein müsse, und das sei sicher. Darüber geriet er jedes Mal in Rührung, bog zum kleinen Garten vor der Station ein, pflückte ein Blümchen, um es seiner einzigen Tochter durchs kleine Kassenfenster zu überreichen.

All das können wir heute auf der Marmortafel lesen, die an der Mauer der Pusztakrecer Bahnstation hängt, die schon lange ihren Putz zu Boden spuckt.

Herr Géza Wintermüller starb im Jahre Eintausendneunhundertfünfundzwanzig (Schlaganfall). Bis dahin hatte sein Ziehkind in der Dienstwohnung gelebt, in einem schmucken, einstöckigen Haus, gleich hinter der Bahnstation. Der neue Stationsvorstand (ein gewisser Herr Friedrich Frost) wurde aus Nyíregyháza nach Krece versetzt. Herr Friedrich hatte sechs Mäuler zu stopfen, inklusive Frau und Schwiegermutter, deswegen konnte Ágnes Valéria nicht im Haus bleiben. Nachdem sie nirgendwo anders hingehen konnte, schrieb sie ein Bittgesuch an die Eisenbahnverwaltung, ob sie nicht vom überaus weiten Kassenraum den hinteren Teil abtrennen dürfte, wo sie dann – nachdem sie einen Schlafplatz eingerichtet und einige Möbel eingestellt hätte – wohnen könnte. Die Verwaltung gab ihren Segen, natürlich nur solange sich keine bessere Lösung ergab (Mit diesen Worten hatte man schon seit jeher endgültige Lösungen genehmigt).

Ágnes Valeria Magyar zog also ins Bahnhofsgebäude. Damals war sie einunddreißig Jahre alt, ihr Gesicht war mit jedem verstrichenen Jahr schöner und runder geworden, ihr lockiges, rotes Haar war genauso bezaubernd wie früher. Obwohl sich schon ein Meer von Männern an ihr versucht hatte (unter ihnen Wohlhabende aus dem Dorf und Reiche aus der Stadt), war M.Á.V. auch damals noch ledig. Für sie zählte einzig und allein der Beruf, Männer interessierten sie nicht. Ágnes V. glaubte, die Liebe würde sie nur von ihrer Arbeit ablenken, und sie müsse doch beweisen, daß sie das Vertrauen verdiene, daß ihr die Eisenbahnen entgegengebracht hatten.

Die Jahre vergingen, sie saß in ihrem Käfig, und Tag für Tag verkaufte sie Fahrkarten. Seit sie in ihrer Zelle wohnte, sah man sie kaum mehr durchs Dorf radeln, nur für kurze Zeit und äußerst selten ging sie außer Haus. Sie hätte die Schande nicht ertragen, wenn vielleicht gerade dann jemand ein Billet hätte lösen wollen, als sie nicht an ihrem Platz war. Sie war fürs Dorf schon so etwas wie eine Statute geworden, ein Einrichtungsgegenstand: Sie war stets am gleichen Platz, man nahm sie nicht mehr wirklich zur Kenntnis. Nachdem sie keinen Grund zum Klatsch gab, sprach man auch nicht über sie, sie wurde – fast – vergessen.

Im lauen Winter des Jahres Eintausendneunhundertachtunddreißig meinte ein gut situierter Bauer (ein gewisser Maxi Kispál), sein Hirn war nebelig vom Wein, seinen Kopf hatte er über dem karierten Tischtuch des Bahnhofrestaurants auf die Hand gestützt, daß diese Ágnes Valéria seit 1925 nicht um eine Minute gealtert sei. Daß sie seitdem immer wie einunddreißig ausschaue. »Die müßte doch auch schon vierundvierzig sein!«, meinte Maxi aufgebracht.

Seine Kartenbrüder wußten eine kleine Weile gar nicht, von wem ihr Freund gerade sprach. Sie glaubten, der saure Wein hätte ihn endgültig um den Verstand gebracht. Erst als Kispál mit der letzten Karte in seiner Hand, Stüssi dem Flurschützen, in Richtung Kasse deutete, begriffen sie, daß von Fräulein Magyar die Rede war. Ein Rudel Männer drängte daraufhin vom Wirtshaus hinüber in den Wartesaal, bis ganz vor die Kassenzelle, und bestierte all das von Ágnes Valeria, was zu sehen war.

»Du bist ein Spinner, Maxi«, sagte nach ein paar Minuten der Pächter der Mühle am oberen Ufer (ein gewisser János Tódor), »doch dieses eine Mal hast du recht, und darauf trinken wir! Dieses Weib ist um keine Minute älter als einunddreißig.«

Die Entdeckung Maxi Kispáls wurde zur großen Sensation. Es kamen Professoren der Allgemeinmedizin aus Wien, um Ágnes Valéria zu untersuchen, Zeitungsschreiber kamen aus Budapest, um Artikel zu schreiben über die Kassiererin, die dem Altern trotzte. Angeblich kam auch der rasende Reporter höchstpersönlich (ein gewisser Herr Egon Erwin Kisch) auf einen Sprung im Dorf vorbei, seine Eindrücke verkaufte er unter dem Titel »Eine Kassierin, die nie Christus‘ Alter erreicht« dem Prager Tagblatt.

Doch all das weilte nur einige Monate, die Aufregung legte sich bald, und die große Welt – so wie Pusztakrece – gewöhnte sich langsam an die Tatsache, daß Magyar Ágnes Valéria nicht älter wurde. »Eigentlich ist« stellte ein belgischer Zirkusdirektor (ein gewisser Herr Hercule Lefevre, der M.Á.V. ebenfalls eine Zeit lang umworben hatte) fest, »die ewige Jugend an sich noch nichts Außergewöhnliches, eine wirkliche Zirkusnummer wäre nur das ewige Leben.«

Dann kam der Krieg, und der Krieg wurde zur Sensation. Magyar Ágnes Valéria saß weiterhin in ihrer Zelle und verkaufte Fahrkarten. Sie sah mit an, wie die Männer in Uniform fortfuhren und sah dann, wie sie nach Hause kamen, verstümmelt, gebrochen, als Krüppel. Auf Pusztakrece fielen insgesamt vier Bomben, eine davon genau auf den Bahnhof. Sie zerstörte die Schienen, den Bahnsteig, und auch das Dach des Wartesaales stürzte ein. Die Kasse und das Bahnhofsrestaurant blieben aber heil. In Friedrich Frosts linkes Ohr bohrte sich ein Splitter, und nach zwei Monaten schwerer Krankheit segnete er das Zeitliche. Die schönere Zukunft durfte er nicht mehr erleben.

Ágnes Valéria merkte vom neuen System kaum etwas. Andere Plakate hingen an den Wänden des Wartesaales, aus dem Bahnhofsresti wurde mit der Zeit eine Reiseproviantversorgungsgenossenschaft (kurz: RPVG Utasellátó), doch am Wesentlichen änderte sich überhaupt nichts. Die Leute kauften Fahrkarten und stiegen in den Zug. In die Stadt fuhr der Zug immer noch morgens und zurück kam er jeden Abend. Die Herrschaften waren fortan mit Genosse anzusprechen, doch die Retourkarte blieb eine Retourkarte, und hatte für die einunddreißigjährige Ágnes Valéria etwas Beruhigendes. Die Pioniere waren sehr zuvorkommend und fuhren auch oft mit der Eisenbahn. Ihre roten Halstücher flatterten im Bahnsteigwind. Die Menschen erschienen M.Á.V. ein bißchen ruhiger und trauriger; die Feste jedoch wurden entschieden lauter und fröhlicher.

Den Volksaufstand im 56er Jahr überstand das Dorf relativ unbeschadet, nur ein Zwischenfall ereignete sich: Der Ratsvorsitzende (ein gewisser Genosse Mihály Rácz, vormals Dammwächter) und der Bahnhofsvorsteher (ein gewisser Genosse Ferenc Hemző, vormals Traktorfahrer) wurden von unbekannten konterrevolutionären Elementen blutig geschlagen, und die Dörfler brachten nach der Hetze von imperialistischen Agenten alle Schweine um, die auf den Namen Mátyás hörten, ungeachtet dessen, ob die genannten Schweine ihr Schlachtgewicht schon erreicht hatten oder nicht.

Plopp!, nicht mehr, ein Korken flog aus einer Sektflasche und aus dem Jahr Eintausendneunhundertneunundfünfzig war Eintausendneunhundertsechzig geworden. Am Silvesterabend tauchte im Dorf ein eigenartiger, kleiner Mann auf, der in dunklen Lodenstoff gekleidet war. Sein Gesicht war von einer großen schwarzen Hornbrille verdeckt. Er behauptete, daß er vom Komitat geschickt worden wäre, ein Revisor wäre er, der die sozialistische Ordnung der staatlichen Betriebe zu prüfen hätte. Doch in der LPG bekam man ihn kaum zu Gesicht, er lungerte dauernd in der Nähe des Bahnhofes herum. Man erzählte sich, daß er Ágnes Valéria schöne Augen machte. Daß er vor der Zelle stünde und mit ausgreifenden Handbewegungen der einunddreißigjährigen Kassiererin erzählte und erklärte. Daß er sich dann abends im Bahnhofsresti besöffe, niemals bezahlte, doch keiner traute sich ihm deswegen was zu sagen. Daß lieber der Ratsvorsitzende für ihn bezahlen würde. Nach einigen Tagen verschwand dieses rätselhafte Individuum, und ward nie mehr gesehen. Er kaufte sich ein Billet bei M.Á.V. und fuhr mit dem Abendzug ab.

Im Februar des Jahres Eintausendneunhunderteinundsechzig, am Zwanzigsten, meldete sich Ágnes Valéria beim Bahnhofsvorsteher. Der alte, dicke Genosse hinkte noch immer von den Schlägen, die er ’56 hatte schlucken müssen, auch konnte er seitdem das eine Auge nur mehr halb öffnen. Die Kassiererin schaute ihm tief in die anderthalb Augen und sagte:

»Genosse Direktor, ich möcht‘ das Meer sehen.«
»Was sagst?« meinte der Bahnhofsvorsteher verwundert.
»Das Meer möcht‘ ich sehen. Seit fast fünfzig Jahren arbeite ich ununterbrochen. Ich möcht‘ eine Woche Urlaub. Nach Bulgarien möcht‘ ich fahren.«
»Und der Bahnhof? Die Fahrkarten? Wer wird die Fahrkarten verkaufen?«
»Ich hab mir gedacht, nur eine Woche. Da könnt mich doch irgend jemand vertreten… Ich bin noch jung, gerade einunddreißig. Ich möcht‘ ein bißchen von der Welt sehen.«
»Unmöglich!« schrie Hemző und befahl Ágnes Valéria zurück in ihre Zelle.

Von diesem Tag an ging am Bahnhof irgendwie nichts mehr so geschmiert wie zuvor. Fräulein Ágnes arbeitete zwar und verkaufte jeden gesegneten Tage ihre Fahrkarten, doch ihre legendäre Freundlichkeit war geschwunden. Sie trug ihre Haare offen, während der Arbeitszeit sah man sie in Richtung Bauernmarkt radeln, und am späten Abend sah man sie stets im Utasellátó, wie sie Schnäpse trank. Ihre Brüste verbarg sie nicht mehr züchtig, ihre Uniformbluse waren weit aufgeknöpft, und die Reisenden konnten durch das Kassenfenster fast ihre Brustwarzen sehen. Einige Male wurde sie noch beim Bahnhofsvorsteher vorständig, doch Genosse Humpelbein war unbeugsam, und jedes Mal machte er Ágnes Valéria darauf aufmerksam, daß sie nicht herumzuhüpfen habe, keine Forderungen zu stellen habe, sie sei Eigentum der MÁV und des Sozialismus, der MÁV und dem Sozialismus Arbeit schuldig, sie solle gefälligst nicht unverschämt und undankbar sein.

Am 15. März 1962 war das Faß voll. Um dreiviertel zehn Vormittag rüstete Ágnes Valéria zum Aufstand. Sie schaltete das Mikrofon ein (drehte den Regler für die Lautstärke auf die höchste Stufe) schnipste mit ihren Fingernägeln mehrere Male gegen das Mikrofon, um sich zu versichern, daß es auch funktionierte. Sie schlug so einen höllischen Krawall, daß die Fenster des Wartesaales platzten. Sie begann zu sprechen. Selbst am anderen Kopf der Betonschlange, beim Busbahnhof, konnte man sie noch hören.

»Eins, zwei, drei, Mikrofonprobe! Jetzt diktiere ich den Eisenbahnen mein Geständnis. Sehr geehrte Staatliche Ungarische Eisenbahnen! Ich, Magyar Ágnes Valéria, die Kassiererin, gebe hiermit bekannt, daß ich nicht weitermache. Mir reicht’s. Ich bin nicht gewillt, mein Leben als Gefangene zu verbringen, auch nicht, sehr geehrte Staatliche Ungarische Eisenbahnen, in vollem Bewußtsein dessen, was sie für mich getan haben, und was aus mir geworden wäre, wenn die Eisenbahngesellschaft mich nicht unter ihre Fittiche genommen hätte, mich, die arme, vom Schicksal verlassene Waise. Aber! Ich bitte, ins Protokoll aufzunehmen: daß ich alles abgearbeitet, meine Schuldigkeit getan habe. Ich bin nicht von undankbarer Art!

Auf diesem Bahnhof sind alle immer nur in Eile. Jeder läuft, um den Zug zu erreichen. Alle rennen nur, als ob die fünf Minuten nicht egal wären, diese halbe Stunde, diese paar Tage, die zwanzig Jahre oder gar das ganze Leben. Ich verstehe schon… Nur mir ist es egal… ich sitze hier seit fünfzig Jahren, in dieser Zelle, und mir ist es nun wirklich wurscht, ob sechs Minuten oder ein Leben lang. Während dieser vielen Jahren war der fernste Ort, an dem ich gewesen bin, Monor. Mein einziges Aufbegehren… Ich wollte alles hinschmeißen, die Eintönigkeit, das Immer-Gleiche. Ich hatte diesen Ort schon in einem Maße gehaßt, daß ich alle Reisenden niederstechen hätte können, alle, die eine Karte kauften. Ich wollte Revolution, das Meer, Liebe und Abenteuer. Verrat und ein schlechtes Gewissen. Damals, in Monor, erschrak ich noch. Doch heute ist alles anders… Damals bin ich zurückgekommen, feige, hab den Vorhang vor das Fenster meiner Zelle gezogen, was während der Arbeitszeit verboten ist, dann schaltete ich das Radio ein, versuchte einzuschlafen, wenn ich schon zur Flucht von hier zu feige war, sollte wenigstens die Flucht nach innen gelingen. Doch ich konnte nicht einschlafen, ich konnte niemals schlafen, seit fünfzig Jahren bin ich wach! Ich verkaufe Fahrkarten und seit fünfzig Jahren ist es keinem einzigen aufgefallen, daß ich niemals schlafe. Und auch in den Akten des Arbeitsministeriums ist mein Name nicht zu finden, obwohl ich für drei arbeite und nur dann für ein paar Minuten Pause mache, wenn mich mein Körper erpreßt. Er schreit mich an: Häfenschwester, es gibt Arbeit!2 So nennt er mich nämlich, Häfenschwester, damit ich ja nicht vergesse, daß auch er weiß, daß ich eine Gefangene bin. Er sagt also zu mir: »Häfenschwester, ich will dich.« Doch er kann auch ganz romantisch sein. Wenn ich ihn streichle, sagt er »Schwesterchen«, das Häfen ist kaum mehr zu hören. Wenn sich meine Hand der naß-glänzenden Spalte nähert, sagt er »Schwesterlein«, wenn ich meinen Kitzler finde und mit ihm spiele, zischt er wie im Rausch »Schwesterleinchen«, wenn ich meine Brustwarzen mit den Fingern ummale, schreit er »Schwesterleinilein«. Und das tut mir gut, diese lieben kosenden Worte. Ich ziehe den Vorhang vor, hänge die »geschlossen« Tafel hinaus, und es interessiert mich nicht, ob die Reisenden wütend am Fenster klopfen, ob sie hüpfen vor Wut, fluchen; denn in diesem Moment bin ich nicht Kassiererin, auch nicht die Genossin Kassier, keine Häfenschwester, keine Sklavin, sondern das süße, teure Schwesterleinilein. Und vielleicht bin ich die glücklichste Frau im ganzen Dorf, weil zu welcher Frau sagt der Mann noch nach fünfzig Jahren Dinge, die mir mein Körper immer noch zuflüstert. Also, liebe Staatsbahnen, eigentlich müßte man mich erschießen lassen, weil ich so furchtbar undankbar bin. Ja, erschießen könnte man mich, das gebe ich zu. Doch das Meer hätte man mir nicht nehmen dürfen! Damit finde ich mich nicht ab. Niemals. Jeder Mensch hat sich ein bißchen Meer verdient. Ich halte es für eine ganz große Frechheit, sehr geehrte MÁV, daß auf diesem Planeten, auf dem wir leben, der zu drei Viertel von Salzwasser bedeckt ist, ich hier in einer Zelle verrotten muß, in der es nicht einmal einen Wasserhahn gibt. Gut, damit würde ich mich noch abfinden, nicht jeder kann einen Wasserhahn haben. Doch ich hab nicht einmal Tränen, die ich im Wasserglas sammeln könnte, um salziges Wasser zu sehen, mein eigenes kleines Meer. Ich hab auch keinen Urin. Ich habe gar nichts. Die MÁV hat mir alles genommen. Deswegen, sehr geehrte Staatsbahnen, sind die glasigen, tränenden Augen der Reisenden für mich nichts Anderes als Meer. Sie stehen vor meinem Fenster, bestellen ihre Karte, stecken das Geld durch das Loch, und ich schau ihnen tief in die Augen, auf der Suche nach ein bißchen Traurigkeit, ein paar Tränen, und wenn ich das Meer in einer halben Träne erblicke, stell ich die Fahrkarte so langsam aus, daß alle in der Schlange zu toben beginnen. Ich frage nach allen Ausweisen des Reisenden, nur damit ich das Meer seh‘, möglichst lange, und dann bin ich sehr glücklich. Dieser Zustand dauert aber nicht lang. Mein Körper meldet sich zurück, läßt mich den Vorhang zuziehen, weil er mein Glück nicht ertragen kann, er schreit mich an: »Na, was ist, Fräulein! Haben wir wieder einen schönen Ausblick aufs Meer? Genossin, und die Arbeit stinkt ihnen!?« Auch ich hab eine Seele, ich verteidige mich schluchzend, ohne Tränen, doch mein Körper schreit mich wieder an: »Du hast keine, verstehe endlich, du hast keine Seele! Deine Seele gehört der Eisenbahn.« Und dann schäme ich mich, weil ich weiß, daß ich nicht hier sitze, um die Reisenden aufzuhalten, ganz im Gegenteil, mit schneller, präziser Arbeit hab ich ihre Abreise sicherzustellen. Dann werd ich traurig, weil ich nicht einmal mehr als Kassiererin gut genug bin. Was soll ich machen? Ohne Meer geht nichts, alles umsonst.

Unlängst ist ein Mann hier gewesen. Ein Revisor. Und in seinen Augen hab ich die bulgarische Riviera gesehen. Ich hatte ihn schon um seinen Blutspenderausweis gebeten, um sein Parteibuch, seinen Fischereiausweis, und die Schlange hinter ihm wurde immer länger, schlängelte sich schon auf den Bahnsteig hinaus, er geriet furchtbar in Rage, sein Augen funkelten unter den dicken Linsen, und das Meer in mir wurde rauschte das Meer, es glühte der Sand in der sengenden Sonne, die Sommerfrischler verbrannten zu Staub, die Liegestühle standen in Brand… Und dann meldete sich mein Körper, er plärrte: »Du stinkende Hure, raboti! Du sitzt nicht hier, um Urlaub zu machen!«
Er hätte auch sagen können: »Schwesterleinilein! Mach keinen Urlaub, du kannst keinen Urlaub machen, weil Du hier die beste bist, für dich ist das doch keine Arbeit, sondern Berufung, du trinkst nicht, ißt nicht, schläfst nicht, pinkelst nicht, scheißt nicht, weinst nicht, du lebst für deinen Beruf, laß dich nicht hängen…«

Der Revisor hätte mich ans Meer mitgenommen. Vielleicht gerade ans bulgarische. Ich sah es in seinen Augen, er hätte mich mitgenommen. Doch ich traute mich nicht zu gehen, weil mein Körper mir drohte, wegen dieses verdammten Pflichtbewußtseins… Doch jetzt ist Schluß mit dieser meerlosen Welt, sehr geehrte Staatsbahnen. Dies ist mein Geständnis, doch zugleich auch mein Ultimatum. Mein Körper interessiert mich nicht, keiner interessiert mich. Hab ich unrecht, wenn ich behaupte, daß mir auf diesem Planeten, wo es so viel Salzwasser gibt, daß man mit dem Salz, das in all den Meeren und Ozeanen ist, das Festland und auch diesen verfluchten Bahnhof zudecken könnte, mit einer Salzschicht von hundertfünfzig Metern Dicke, daß mir auf diesem Planeten zumindest eine Woche am Meeresstrand zusteht… Nun, sehr geehrte MÁV, ein bißchen Meer verdiene auch ich, auf diesem Planeten namens Salzwasser, denn so müßte man ihn nennen. Nicht Erde…

Ágnes Valéria aber sprach und erzählte inmitten der Splitter der geborstenen Fensterscheiben, redete davon, wie sie ihr Körper terrorisierte, wie ihr die MÁV die Seele nahm, und reihte all ihre Forderungen feinsäuberlich aneinander. Sie wollte nicht aufhören. Tagelang diktierte sie ihr Geständnis in die Lautsprecheranlage. Sie erklärte, daß sie ihren Streik erst dann beenden wolle, wenn sie der Bahnhofsvorsteher ans bulgarische Meer fahren lasse.

Doch die Herren Genossen waren unbeugsam. Der Ratsvorsitzende schien ein bißchen flexibler, in ihm lebte noch die alte Angst. Dieses kleine Aufbegehren brachte ihm die Schläge von ‘56 in den Sinn, doch der Bahnhofsvorsteher Hemző gab nicht nach, er blieb stur und steif, seinen früheren Prinzipien treu. Für den Kurort Héviz hätte er noch seine Erlaubnis gegeben, doch nicht für das Meer. Unter keinen Umständen. Weil – betonte Hemző – Magyar Ágnes Valéria eigentlich staatliches Eigentum sei, daß nichts im Ausland zu suchen habe (auch dann nicht, wenn dieses Ausland ein befreundetes sozialistisches Land ist), daß diese versuchte Unterschlagung von Staatseigentum geradezu ein Verbrechen sei, gegen Staat und Verfassung!

Doch Ágnes Valéria bestand auf ihrem Meer. Es kam der Ratsvorsitzende und flehte auf Knien vor ihrer Kasse, sie möge doch aufhören, solange sie sich noch keine ernsteren Probleme eingehandelt habe. Dann kam der Direktor der LPG, der Bahnhofsvorsteher drohte mit Anzeige und Staatssicherheit; doch alles umsonst.

Der Zugsverkehr zwischen Pusztakrece und der Stadt kam zum Erliegen. Die Menschen hatten sich Watte in die Ohren gestopft, so gingen sie durch die Straßen, so arbeiteten sie auf den Feldern, so schliefen sie in ihren und fremden Betten, sie konnten den heillosen Lärm nicht mehr ertragen, der sich aus den Lautsprechern des Bahnhofes ergoß.

An einem sonnigen Märztag kam die Feuerwehr aus der Stadt. Die Männer stiegen aus dem glänzenden, roten Auto. Sie eilten sich nicht, langsam, bedächtig, genau erledigten sie ihre Arbeit. Das Ende des Schlauches, der einer Riesenschlange glich, steckten sie in das Loch im Kassenfenster der Ágnes Valéria, genau dorthin, wo die Reisenden ihr Geld hineinsteckten und die Genossin Kassier die Fahrkarte hinaussteckte.

Vergeblich schrie M.Á.V. ins Mikrofon, so laut sie nur konnte, die Feuerwehr trat mit Gehörschutz in der Wartehalle an. Keiner half Ágnes Valéria, keiner, obwohl das ganze Dorf zum Bahnhof gepilgert war. Nach achtundsechzig Jahren galt die Kassiererin nämlich immer noch als Fremde in Pusztakrece, als eine nichtsnutzige Dahergelaufene aus der Stadt.

Einer rief: »Wasser marsch!«. Und wie in der Zelle das Wasser langsam stieg, wurde das Winseln des Fräulein Magyar immer verzweifelter. Dann war auch ihr Kopf schon unter Wasser. Mehr Wasser hatte im Käfig nicht Platz. Die Feuerwehrmänner zogen den Schlauch wieder heraus, schritten feierlich zu ihrem Wagen und fuhren ohne ein weiteres Wort davon.

Die Kassiererin kämpfte noch einige Zeit gegen das Ertrinken. Sie schlug um sich, schluckte Wasser, wand sich. Der Ratsvorsitzende wandte sich ab. Nicht einmal im Kino konnte er so brutale Szenen sehen. Doch Ferenc Hemző klopfte ihm nach einer kurzen Weile auf die Schulter.

»Schau nur, Mischka!« sagte Hemző erstaunt.
Als Rácz sich umdrehte, war aus Ágnes Valérias Gesicht die Angst verschwunden. Es war voller Zufriedenheit, voller Glück. Ihre Arme und Beine waren verschwunden, an ihrer Stelle schwebten farbige Flossen im Wasser.

»Sie ist wie ausgewechselt« Mihály Rácz war verblüfft und fügte hinzu, »nur diese unheimlichen Dutten und der Kopf sind so wie früher.«

Das bezaubernde rote Haar von M.Á.V. fächerte sich üppig im Wasser auf. Aus den Lautsprechern war nur mehr ein überirdisches Rauschen zu vernehmen, Töne, die man hört, wenn man sein Ohr ans Haus einer Meeresschnecke legt. Und zur größten Überraschung des ganzen Dorfes nahm Ágnes Valéria ihre Arbeit wieder auf. Sie schnappte den Stempel mit dem Mund, mit ihrer rechten Flosse fegte sie die Fahrkarten auf ihre Brust, und mit einem plötzlichen Nicken war die erste Karte zum Verkauf bereit.


1) Vielleicht ist es kein Zufall, daß im Krecer Volksglauben bis zu heutigen Tage die Schlange als Sagengestalt lebendig ist. Der “Schlangenkönig” ist wahrscheinlich ein Überbleibsel östlicher Kulte: Er verfügt im Märchen über eine allem erhabene Zauberkraft, kann Brüche heilen, zu Schätzen führen, kann innerhalb einer Nacht ganze Paläste bauen. Der “Schlangenstein” schafft laut lokalem Aberglauben Abhilfe bei Halsschmerzen, bei Schwellungen der Kuheuter, bei Blähungen des Viehs, wenn es Grünfutter gefressen hat. Trägt man den Schlangenstein in seiner Geldbörse, ist darin immer Geld zu finden.

2) Häfen sagt man in Pusztakrece zum Gefängnis. Die Etymologie dieses Wortes ist leicht nachzuvollziehen. Der/das Häfen ist ein Produkt des Hafners (Töpfers), also ein Topf.

Aus András Cserna-Szabó: Félelem és Reszketés Nagyhályogon. Deutsch von Clemens Prinz.

Von Redaktion

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