Armut in Battonya

von Tamás Bód, Magyar Narancs 2012/47.

Wie viele Menschen können denn wie lange von den 47.000 HUF (165€) leben, die es beim staatlichen Arbeitsprogramm gibt?

„Zweihundert, zweihundertfünfzig, dreihundertzwanzig, dreihundertdreißig, dreihundertfünfunddreißig.“ János Lázár zählt am letzten Samstag des Oktobers Münzen auf den Tisch. So viel Geld ist für seine siebenköpfige Familie noch übrig. Der muskulöse und bestimmte Mittfünfziger meint, dass sie mit diesen Geld, das für ein wenig mehr als ein Kilo Brot reicht, bis Montag irgendwie auskommen müssten: Dann kommt der nächste Wochenlohn vom staatlichen Arbeitsprogramm, das von manchen auch Arbeitsdienst genannt wird.(1) Dieser geht aber für die Schulden drauf, die die Familie bei einem Lebensmittelladen im Ort hat, wo man noch anschreiben lassen kann.

János Lázár und seine Familie gehören zu den Glücklicheren im von tausend Problemen gebeutelten Südosten des Landes, im Städtchen Battonya, das im Komitat Békés, unweit der rumänischen Grenze liegt. Wenn auch nur bis 31. Oktober, so war er doch im Arbeitsdienst, dafür erhielt er monatlich 47.000 HUF (165€), die in wöchentlichen Raten ausbezahlt wurden. Außerdem schloss er eine Trennungsvereinbarung mit seiner Gattin, die dadurch ebenfalls berechtigt ist, am staatlichen Arbeitsprogramm teilzunehmen. Die andere Einkommensquelle der Familie sind die 47.000 HUF (165€) der Frau, zu denen noch die erhöhte Familienbeihilfe, 51.000 HUF (180€), für die vier Kinder kommt. So haben sie zu sechst, manchmal zu siebt 145.000 HUF (512€) zur Verfügung. (Eines der Kinder der Familie Lázár ist schon volljährig.)

Kein Wasser, kein Gas, kein Strom

„Wenn wir diese Summe durch sechs teilen, haben wir 24.000, wenn durch sieben, ein bisschen mehr als 20.000 Forint (70€) pro Kopf für einen Monat. Wenn wir auch auf fast alles verzichten müssen, irgendwie geht es sich aus – doch wer weiß, wie lange noch“, meint Lázár.

Rund ums Haus herrscht Ordnung. Im Garten an mehreren Stellen Holzscheite, Wurzelstöcke, Äste feinsäuberlich aufgeschlichtet. Der Winter steht vor der Tür. Über ein Hilfsprogramm der Regierung hat die Familie ein paar Schafe und ein Dutzend Hühner bekommen. Auf unser Kommen hin haben sich alle in der Küche versammelt, wo der Sparherd für Wärme sorgt. Die Stimmung ist traurig, aber nicht hoffnungslos. Die Hoffnung hat natürlich genaue Grenzen, zurzeit weiß man noch nicht, woher man die 20.000 Forint nehmen soll für die nahe Schulabschlussfeier einer der Töchter.

Der Mann kann mit seiner Frau gemeinsam am Arbeitsprogramm teilnehmen, weil sie nicht in einem Haushalt leben. „Das heißt natürlich nicht, dass ich nicht oft mal hier wäre“, sagt János Lázár mit einem verschmitzten Lächeln, das in lautes Lachen übergeht.

Unsere Begleiterin heißt Boros Györgyné, die Battonyaer Leiterin des Vereins für Arme und Großfamilien, sie arbeitet ebenfalls im staatlichen Beschäftigungsprogramm. Von ihr erfahren wir, dass in Battonya, das ständig an Einwohnern verliert und mit großer Armut zu kämpfen hat, wegen der hohen Ausstände der Gasversorger schon bei 300-400 Familien das Gas abgedreht hat. (Bei vielen gibt es auch keinen Strom und kein Wasser mehr.) Viele können sich kaum Brennholz leisten. Borosné erzählt, als sie in ihrem derzeitigen Arbeitsbereich zu arbeiten begann, wollte sie einfach helfen und dachte, dass die Betreuung der Familien einfach nur Arbeit sei. Seitdem hat sie gelernt, dass es um viel mehr geht. Viele empfinden ihre Armut immer noch als Schande. Es gibt natürlich zahlreiche Beispiele dafür, dass manche auch vor Diebstahl nicht zurückschrecken, wegen dem sie dann einige Zeit hinter Gitter verbringen müssen. Dabei sind die Dinge anders, als sie scheinen. Hinter den auffällig ungeschickt ausgeführten Diebstählen steckt meistens eine wohl durchdachte Überlebensstrategie: Sitzt man im Gefängnis, hat man im Winter keine Sorge mit dem Essen und dem Heizen.

Es gibt aber auch noch viel verzweifeltere Lebenssituationen: Im Ort gibt es eine Frau, die schon einige Zeit droht, sich aufzuhängen, weil sie „wenn die Zeit gekommen ist“, nicht zusehen will, wie ihre Kinder hungern und frieren. „Wir können nur zu wenigen Familien gehen, weil die meisten weder ihr Gesicht noch ihren Namen für so einen Bericht hergeben wollen. Außerdem kommen dauernd irgendwelche Journalisten, unsere Lage ändert sich aber nicht“, sagt sie verbittert. Man könne sich an die regelmäßige Konfrontation mit der unvorstellbaren Armut nicht gewöhnen, meint die Vereinsvorsitzende. „Ich werde damit nicht fertig. Wenn ich nach Hause komme, kann ich mein Hirn nicht abschalten. Wenn eine Familie nicht nur das gesammelte Holz und Äste verbrennt, sondern auch die Möbel, die sie nicht mehr unbedingt braucht, dann ist das schon eines der letzten Stadien“, erklärt unsere Begleiterin. Und viele befinden sich hier im „finanziellen Hamsterrad“, weil sie seit Jahren die einfachsten Grundnahrungsmittel nur mehr auf Pump kaufen können.

Waschsalon

Im sozialen Waschsalon funktioniert nur mehr eine Waschmaschine. Vor vier Jahren wurde er mit vier Maschinen eröffnet. Davon hatte zwei der Bürgermeister, der im ganzen Land als Weizenverbrenner und Rabauke bekannt ist, der sozialistische Parlamentsabgeordnete József Karsai, gekauft, zwei wurden gespendet. „Die Kindergärtnerinnen und Volksschullehrerinnen haben diesen Waschsalon angeregt. Sie sagten, dass viele der Kinder in ganz dreckigen Kleidern in den Kindergarten und die Schule kämen, weil es zuhause weder Strom, noch Wasser, noch Reinigungsmittel gebe, und eine Waschmaschine hätten sie überhaupt noch nie gesehen. Diese Kinder wurden von ihren Mitschülern dauernd verspottet. Der Waschsalon ist den ganzen Tag geöffnet, er dient auch als Treffpunkt, wo jene, denen es finanziell ein wenig besser geht, übertragene Kleider und Schuhe abgeben. Eine große Kaufhauskette hat kürzlich Restposten hierher gebracht. Die gute Absicht muss man loben, die Armen hier in Battonya können aber mit Stöckelschuhen nicht viel anfangen.“

Battonya war jener ungarische Ort, der von der Roten Armee als erster „befreit“ wurde, das geschah im Oktober 1944. Der Tiefflug der Region begann nach der Wende. Dutzende Betriebe gingen bankrott, die LPGs wurden aufgelöst, kaum ein Arbeitsplatz blieb übrig. Das Städtchen ist von fruchtbaren Feldern umgeben, doch es gibt keine Maschinen, außerdem steckt die ungarische Landwirtschaft als Ganzes in der Krise, ergo gibt es wenige Arbeitsplätze in der Landwirtschaft und auch nach Tagelöhnern herrscht weit nicht so großer Bedarf, wie Hände zur Verfügung stünden.

Die Menschen sind an die Scholle gebunden, sie haben keine Möglichkeit in den „wohlhabenderen“ Regionen des Landes oder gar im Ausland zu arbeiten. Daran hindern sie nicht nur der Mangel an einer entsprechende Ausbildung oder an Sprachkenntnissen. Für so einen Schritt, für den Umzug, müssten sie ihre Häuser verkaufen. Hier Immobilien zu verkaufen, ist praktisch unmöglich. Deshalb bleiben sie hier.

Gegen die absolute Armut hilft auch das staatliche Arbeitsprogramm nicht. Hier gilt das gleiche wie bei den Tagelöhnern: Die Nachfrage und das Angebot sind im Ungleichgewicht. Auf die eigenartigen Vorschriften im Zusammenhang mit dem Arbeitsprogramm reagieren die Menschen hier und anderswo im Land auf ihre eigene Art. In einer Familie kann nur eine Person am Arbeitsprogramm teilnehmen. Warum das so ist, kann hier keiner beantworten. (Hier wäre es nun geschmacklos, wenn wir uns auch nur auf ironische Weise mit der Hirnverbranntheit beschäftigen würden, ob man nun von 47.000 HUF leben kann oder nicht, oder ob „jemand, der es zu nichts gebracht hat, auch nichts wert ist“.)(2) In Battonya ließen sich ausschließlich deswegen zahlreiche Ehepaare scheiden. Auf dem Papier. Es gibt Ehepaare wie die Lázárs, die eine Trennungsvereinbarung geschlossen haben. Nachdem in Battonya am 1. November das Arbeitsprogramm eingestellt wird, sinkt das Monatseinkommen in den Wintermonaten, gerade da würden alle mehr Geld benötigen, auf das Minimalniveau von 22.000 HUF (78 Euro). Die Folgen sind nicht schwer zu erraten.

„Viele Ehen und Beziehungen zerbrechen vor meinen Augen wegen der Armut und der finanziellen Aussichtslosigkeit. Am meisten nimmt mich aber die Lage der Kinder mit. Sie können nichts dafür, dass ihr Vater trinkt und auch dafür nicht, dass ihre Eltern schon seit Jahren keine Arbeit mehr haben“, erzählt Boros Györgyné. Sie führt uns dann auf einen kleinen Einödhof in der Nähe von Battonya, wo János Mong aus Großzügigkeit des Besitzers mit seiner kleinen Tochter wohnen darf. Er versorgt dafür die Schafe. Wir befinden uns auf dem flachen Land zwischen Battonya und der rumänische Grenze, auf einem rumpeligen Feldweg sind wir hierher gekommen.

Kinder unter der Tuchent

János Mong ist Ende Dreißig und in einem Waisenhaus groß geworden. Er hat drei Berufe gelernt – Bäcker, Konditor und Kellner, doch arbeitet er auch längere Zeit in einem Greißlerei und in einem Schnellimbiss. Dennoch findet er keine Arbeit. Er kann sich nur im Arbeitsprogramm um 47.000 HUF verdingen. Dazu kommt die Kinderbeihilfe, und wenn er hier und dort mal jemandem zur Hand geht, kriegt er auch einmal ein, zwei Tausender. Als Rausschmeißer kam er mit dem Gesetz in Konflikt und saß deswegen auch im Gefängnis, dann war da noch eine dreieinhalb Jahre dauernde schreckliche Ehe. Seine Ex-Frau hält weder mit ihm noch mit ihrer gescheiten und interessierten Tochter den Kontakt.

Der große Plan in Mongs Leben ist, wie er uns erzählt, mit fünf Jahren intensiver Arbeit sich 300.000-400.000 HUF (1.000-1.500€) zu ersparen, damit er dann in der Stadt Battonya ein baufälliges Haus kaufen kann, in dem er und seine Tochter Bogi wohnen werden. „Ich kann alles selber machen, wir richten uns das nach und nach her“, sagt der alleinerziehende Vater, der in diesen Wochen alles brennbare in der Umgebung für den Winter einsammelt. Er weinte das letzte Mal, als er „in Bogis Klasse am Muttertag bei der Feier war, die die Kinder vorbereitet hatten“, sagt János Mong.

Der Mann steht jeden Morgen um halb vier auf, versorgt die Schafe und weckt um dreiviertel sechs dann Bogi, mit der er nach dem Frühstück, um halb sieben, in die Schule aufbricht. Der Mann bete, wie er sagt, oft, dass Bogi nicht krank werde. „Viele kommen schon mal nachschauen, manchmal helfen sie mir auch, aber wovon ich Medikamente kaufen sollte, weiß ich nicht.“ Zum Abschied meint er: Er würde gern nach Westungarn gehen, um dort zu leben und zu arbeiten, aber das Geld dafür könne er niemals aufbringen.

„Wir stehen hilflos hier herum, die Gemeinde hat kein Geld, inmitten von so viel Armut zu leben, ist wirklich eine seelische Heimsuchung“, sagt József Karsai der Magyar Narancs gegenüber. Er hat in den vergangenen Jahren aus eigener Tasche Millionen für die Armen im Ort, in erster Linie für die Kinder, ausgegeben. Karsai erzählt von einem Invalidenpensionisten, der zur Monatsmitte normalerweise nur mehr 40 HUF (0,15€) in der Tasche hat, und einer Großfamilie, in der ab Herbst die 11 Kinder die meiste Zeit des Tages unter einer Tuchent verbringen, weil die Familie kein Geld fürs Heizen hat. Und so frieren die Kinder nicht. Und er erzählt davon, dass die Kinder der armen Familien am Montag immer ausgehungert in die Schule kommen, weil es zuhause kaum etwas zu essen gibt.

„Bei einer Familie kauerten die Kinder unter einer Tuchent. Ich fragt sie, wo der Überzug ist. Sie antworteten, es gibt doch keinen Zug, Onkel Jóska, wir haben doch die Türe zugemacht! Da wurde mir klar, dass diese armen Kinder nicht einmal wussten, was Bettwäsche ist. Einige können sich nur in der Schule ordentlich waschen, weil es zuhause kein Warmwasser gibt. Eine Zeit lang haben wir nicht verstanden, warum sie das nicht machen. Dann bemerkten wir, dass keines der Kinder ein Handtuch hatte. Ich kaufte dann dreihundert Stück für die Schule“, so bringt Karsai eine Horrorgeschichte zu Ende, die hier alltäglich ist. „Ein Wohlhabender wird nie verstehen, wie es ist, arm zu sein. Wie es ist zu hungern Tag für Tag und zu frieren, völlig ausgeliefert zu sein. Wer das nicht mit eigenen Augen sieht, weiß nicht, was Armut heißt. Früher gab es hier 130 arme Familien, heute sind es 300-350, am ärmsten sind jene Kinder, die ständig auch auf die grundlegendsten Sachen verzichten müssen. Ich will nicht übertreiben. Aber das hier bei uns ist schon bald wie in Afrika.“


Verfasser: Tamás Bod
Veröffentlicht in: Magyar Narancs 2012/47. (22. November 2012)

http://magyarnarancs.hu/kismagyarorszag/tehetetlenul-allunk-82592

(1) közmunka-program: Eine Art verpflichtender Arbeitsdienst, der absolviert werden muss, will man nicht völlig von jedweder Sozialhilfe abfallen. Es sind stupide Arbeiten zu erledigen, Unternehmer können die Arbeiter auch für ein geringes Entgelt mieten. Für die Zeit, in der das Programm läuft – meistens nur in der warmen Zeit, da laut Arbeitsgesetzbuch im Winter Wärmeräume, entsprechende Kleidung zur Verfügung gestellt werden müsste –, erhalten die (Zwangs)Beschäftigten 47.000 HUF (165€) pro Monat, in den restlichen Monaten 22.000 HUF (78€).


(2) Der ungarische Wirtschaftsminister György Matolcsy ließ mit der Aussage aufhorchen, dass man von 47.000 HUF im Monat locker Leben könne, Marcell Zsiga, Fidesz-Jungspund wiederholte diese Aussage. (http://youtu.be/ZxzoS4tPKmk)
Dass jemand, der es zu nichts gebracht hat, auch nichts wert sei, sagte der Clubchef des Fidesz, János Lázár, in seiner Funktion als Bürgermeister von Hódmezővásárhely. (http://www.vg.hu/kozelet/politika/lazar-janos-aki-semmire-nem-vitte-az-annyit-is-er-343756)

Von Redaktion

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