Eine Weihnachtserzählung aus Ungarn. Von Tamás Jónás.

Das Problem mit Weihnachten ist, dass es am Ende des Monates ist. Der Nikolaustag ist
ein höheres Fest, denn da ist das Elend noch erträglicher. Schulden kann man im Dezem –
ber sowieso keine zurückzahlen, und das erwartet eigentlich auch niemand. Zu Beginn des
letzten Monats kann man, ja muss man ein wenig verschwenderisch sein.

Neben den bunt verpackten Süßigkeiten für die Kinder gibt es ein, zwei Tage lang duftende, üppig-schwere Mittags- und Nachtmahle. Als wir noch im Dorf lebten, spielte Vater jedes Jahr das Theater vom unsichtbaren Nikolaus: Wir stellten unsere Schuhe auf die Stiege, die vom Hof auf den Dachboden führte.

Vater musste dann auffällig oft hinaus aufs Klo – wir waren fünf Geschwister – und Mutter rügte Vater mit sanftem Lächeln, was er denn schon wieder gegessen habe, das ihm den Magen so verdorben hatte. Wir hatten so einen Verdacht, aber es war niemandes Interesse, die Hoffnung mit Wissen zu verderben. Fürs Weihnachtsfest gab es immer einen Baum. Die Förster hätten das Baumholen umsonst verboten, denn auch sie wussten, dass es sinnlos und unmenschlich wäre, die Familien in ihrem Elend ohne Baum feiern zu lassen. Auf den schneebedeckten, finsteren Gassen des Dorfes kreuzten einander tiefe Spuren, die verrieten, woher und wohin welch großer Baum von einem Vater geschleift worden war.

Bescherung gab es keine

Als wir in die Stadt gezogen waren, war auch das Baumholen unmöglich geworden. Ein, zwei Tage vor den Feiertagen holte Vater immer sein Fahrrad, das schon bessere Zeiten gesehen hatte, aus dem Schuppen. Er blickte es stumm an und versuchte – nachdem er keine anderen Werkzeuge hatte –, den Achter aus der Felge zu hämmern. Er machte sich mit der gerissenen Kette ganz schmutzig und einige Zeit später schob er das unbrauchbare Fahrrad leise wieder zu dem anderen Gelumpe zurück. Mit dem konnte man keine zehn Kilometer hin- und zehn zurückfahren, mit einem kleinen, gestohlenen Baum aus einem Wald am Stadtrand. Ein kleiner Baum war etwas zum Schämen. Im Dorf brachte jeder stets den größten, den er erwischen konnte, heim. Manchmal konnten sie ihn kaum bewegen. Sie kamen mit vier bis fünf Meter hohen Nadelbäumen daher, obwohl die Raumhöhe der armseligen Häuser kaum zwei Meter betrug. Wenigstens blieb nach dem mehrmaligen Abschneiden auch noch etwas zum Heizen übrig. Es vergingen einige Jahre und einige Weihnachten, bis Vater verstanden hatte, dass man den Baum unten und nicht oben verstümmeln muss. Oft drängelten wir uns, als dann der Baum endlich einen stabilen Stand gefunden hatte, minutenlang im Zimmer und wunderten uns über den eigenartigen Anblick: Als würde der Baum unter dem Boden beginnen und irgendwo am Dachboden enden. Wir lächelten, was hätten wir sonst tun können. Bescherung gab es keine, ja, wir wussten gar nichts davon, dass Weihnachten das Fest des Schenkens war, wir ahnten es nicht einmal. Wir freuten uns, dass wir unseren verstümmelten Zinnsoldaten des Weihnachtsfests mit Figuren, die wir aus Papier gefaltet hatten, schmücken durften. Doch in der Stadt kam es nicht einmal dazu. Vati saß wie üblich in der Küche und steckte sich jede Stunde eine filterlose Zigarette an. Er rauchte sie vorsichtig, weil nicht mehr viele übrig waren. Er stützte sich mit den Ellenbogen auf den Tisch. Es war Heiligabend und langsam wurde es dunkel, es war still, wir wagten uns kaum zu rühren. Die blaue Gasflamme des Küchenherds, den wir mit einer Gasflasche betrieben, gab mehr Licht als die 20-Watt-Birne, die verschämt flackerte. In einem Raum knisterte der gesprungene Kachelofen, mein Bruder bewachte das Feuer und legte nach. Im Haus stand immer leichter Rauch, weil er nur feuchtes Holz draußen finden konnte.
„Der Rauchfang zieht nicht gut“, sagte er und das stimmte auch.

Aufgeputzter Elefant

Im Nachbarhaus wurde laut gestritten, ich ging auf den Hof hinaus. Unter dem grauen Himmel waren die Lichter jenseits des Zauns um vieles heller, doch Menschen sah ich keine. Es waren kaum einige Minuten vergangen, als nach Gebrüll und unverständlichem Schreien sich die Tür öffnete und stumm ein kräftiger Mann heraustrat, einen vollständig aufgeputzten Christbaum nachschleifte und ihn mit viel Schwung mitten auf den Hof warf. Er landete nur wenige Meter von mir entfernt und neigte sich hingebungsvoll zur Seite wie ein niedergestreckter Elefant. Der Mann ging schweigend zurück ins Haus.

Dann war es lange still, als wäre der Streit damit abgeschlossen. Lange und klamm saß ich am Zaun, ich fror, bewegte mich aber nicht. Ich wartete, ob sie um den Baum zurückkämen. Ich konnte mir nicht vorstellen, welcher Streit dort abgelaufen sein musste, dessen Ende der Rausschmiss eines duftenden, sorgfältig geschmückten Christbaums sein konnte. Ich wusste, dass auch diese Familie arm war und noch viel zahlreicher als wir. Da wohnten vielleicht zwanzig Personen in dem kleinen Haus, in dem jetzt Grabesstille herrschte. Das Licht am Hof und auch das Licht an der Eingangstür brannten. Keine Katze, kein Hund rührte sich, in meinen von der Kälte tränenden Augen erschien der Nachbarhof wie ein verwaschenes Gemälde. Dann begann es leicht zu schneien und sofort hörte ich Mutter rufen, wo ich denn bleibe, es sei ja so kalt. Ich hatte keine Zeit, lange nachzudenken, mühelos kletterte ich über den Zaun, lief zum Baum und schleifte das schwere, verachtete Ungetüm zu uns herüber.
Alle standen nur stumm Der Baum passte kaum durch die Küchentür. Alle saßen schon im warmen Zimmer, vielleicht wurden sie nicht auf mein ungeschicktes Rumpeln aufmerksam, sondern rochen den Duft des Harzes, denn nach und nach kamen sie in die Küche. Es war einfach nicht zu verstehen, was hier geschah, darum fragte auch niemand, alle standen nur stumm. Ich hatte zu erklären, was hier geschah.

„Sie haben ihn hinausgeschmissen“, keuchte ich.
Mutter blickte Vater an. Wenn sie ihn schon weggeworfen haben …? Sie wusste noch nicht, wer ihn weggeworfen hatte und warum er geschmückt war, warum sie ihn weggeworfen hatten.
Wenn er schon geschmückt war und wenn sie ihn wirklich weggeworfen hatten, durften wir ihn uns dann holen? In einem einzigen Blick steckten so viele Fragen, wir hätten vielleicht die ganze Nacht darüber reden können. Da dachte ich das erste Mal, dass ich Unsinn gemacht hatte. Ich blieb noch einen Augenblick stehen, sie wartete auf ein Wort von Vater, dass ich ihn zurückbringen solle, von wo ich ihn geholt hatte. Doch er senkte seinen Kopf und sagte: „Ich stell ihn im Zimmer auf.“
Wir hatten einen Christbaum. Dennoch lächelte keiner. Einen fertigen Christbaum. Nicht einmal schmücken mussten wir ihn. Er duftete, war bunt. Eine Tanne. Es gab auch Christbaumzuckerl, doch wir wagten nicht einmal daran zu denken, uns eines herunterzunehmen.

Doch, doch, doch!

„Den haben wir gestohlen“, meine älteste Schwester durchbrach das Schweigen. Vater stand wütend auf, er wollte in die Küche oder auf den Hof hinausgehen. Wohin, erfuhren wir nicht mehr, denn im selben Augenblick klingelte es. Ich zuckte zusammen.
Sie sind da, um den Baum zu holen. Ich schlich Vater nach, um zu sehen, wer vor der Tür stand. Die Haustür war kaum einen Spalt offen, da erkannte ich den Mann, der den Christbaum auf den Hof geworfen hatte. Ich lief zu meiner Mutter in die Küche.
Die zwei Männer unterhielten sich lange, ich lauschte aufmerksam, doch hörte ich nur ein abwechselndes Brummen der Stimmen, kein sinnvolles Wort schaffte es bis an mein Ohr. Ich musterte das Gesicht meiner Mutter, ob sich darin Vorzeichen eines nahenden Sturms zeigten. Meine Beine zitterten schon ein wenig, doch ich konnte sie beherrschen. Auch mein Gesicht, meine Brust wurden warm, als würde Fieber in mir hochkriechen. Die zwei Männer stritten draußen.
„Nein!“
„Doch, doch, doch!“
Als Vater wieder hereinkam, stand ich schon zur Flucht vor seinen Ohrfeigen bereit. Er trug eine Wurst und eine vollgestopfte Tragetasche, aus der das Ende eines Weckens Brot schaute, in der einen Hand und eine Flasche Rotwein in der anderen. „Ich wollte es nicht annehmen. Aber er bestand darauf.

Das hat er noch zum Baum gebracht …“ Ich sah, dass sein Gesicht rot vor Scham war, normalerweise hätte er schon laut geflucht, jetzt stellte er aber die Geschenke auf den Küchentisch.
„Mach irgendwas zum Abendessen“, sagte er zu Mutter. Den Wein ließ er auf dem Tisch stehen, er trank nicht einmal einen Schluck davon, bis Weihnachten vorbei war. Das einzige Geschenk unseres Vaters war jedes Jahr dasselbe: Er trank nicht, und nichts konnte ihn aus der Ruhe bringen.


Tamás Jónás wurde 1973 in Nordungarn geboren. Er ist einer der bedeutendsten Roma-Autoren Ungarns und lebt in Szombathely. Tamás Jónás war Arany-János-, Artisjus-, Soros- und Herder-Stipendiat, Writer in Residence in Wien, erhielt ein Visegrád-Stipendium und ein Stipendium der Ungarischen Kunstakademie für die Arbeit an seinem Roma-Epos. Deutsch übersetzt lagen bislang vor: „Als ich noch Zigeuner war“ (Kortina, 2006) und „35: Erzählungen und Gedichte“ (Büro Abrasch, 2008). Vor wenigen Wochen ist nun auch sein jüngstes Buch, der Gedichtband „Geröll“, im Berliner KLAK-Verlag erschienen.

Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit dROMa, der Zeitschrift des Vereins Roma Service.

Übersetzung: Clemens Prinz

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