von Tamás Jónás

(Auszüge aus den Abenteuern eines alten Mannes)


Ich muss mit ihr schlafen. Das ist ihre Manie. Wäre sie ein Mann, würde ich mich verstehen, würde verstehen, warum ich mich immer bitten lasse. Warum meine Knie zittern, wenn sie unten herum fummelt, an meinem Schlitz und dann hinein greift, während sie zu mir herauf schaut (sie ist fast einen Kopf kleiner), wenn sie lächelt und in ihren Augen der Glaube glitzert, die Hoffnung auf die nahe Zukunft schimmert, und ich ihr Lächeln erwidere, um mich nicht zu verraten. Ich versuche selbstbewusst zu sein, habe ich doch kein Geheimnis vor ihr, kann ich doch vor ihr kein Geheimnis haben. Der Bus ist überfüllt.

Also: Wäre sie ein Mann, würde ich meine Verlegenheit verstehen, doch sie ist keiner, und deswegen verstehe ich weder mich selbst noch sie. Sie ist rein, offenherzig, gescheit (vielleicht verstehe ich sie deswegen nicht), sie liebt mich (wer weiß, gesagt hat sie’s nie; sie ist ja gescheit und weiß, dass man so etwas nicht aussprechen muss, also: sie liebt mich, ganz sicher), sie liebt mich so sehr, dass sie selbst meine große Nase, meine Zahnlücken und die fünf, sechs (einige meinen mehr als zehn) Kilo Übergewicht nicht stören.

Ich muss mit ihr schlafen. Das ist ihre Manie. Sie läutet und wenn meine Frau in die Gegensprechanlage spricht, dann stellt sie sich vor und teilt ihr mit freundlicher Stimme mit, dass sie mit mir sprechen wolle, dann plaudert sie mit mir ein Viertelstündchen, meine Frau ist natürlich auffallend nervös (sie hat langes braunes Haar und eine Brille mit dickem, schwarzen Gestell), sie geht öfters aufs Klo (genau neben der Klotür ist nämlich die Gegensprechanlage), und ich lache, weil die Frau, mit der ich ständig schlafen muss, gescheit ist und Humor hat, und deswegen fühle ich mich allem Anschein nach wohl; dann zieht meine Frau ihre Hausschuhe an (zuhause läuft sie immer bloßfüßig herum, obwohl ihre Eierstöcke schon zwei Mal entzündet waren, ich weiß nicht, ob man vom Bloßfüßig-Herumlaufen Eierstockentzündung bekommen kann, doch ich wäre an ihrer Stelle ein wenig vorsichtiger) und erklärt, dass sie jetzt hinuntergehen und diese Hure verjagen würde, was bildete die sich ein und so. Und sie geht dann wirklich hinunter,  doch sie kommen gemeinsam wieder herauf, meine Frau lächelt, sie lacht sogar laut auf, als sie über die Schwelle treten, das stört mich wiederum, da ich ein argwöhnischer Mensch binund denke, sie lachten über mich. Dann essen wir gemeinsam Nachtmahlund meine Frau meint schließlich:

»Du solltest öfter kommen, meine Liebe!« Meine Frau ist auch nicht mehr die Jüngste (ich habe schon erwähnt, dass sie Brillen mit einem dicken, schwarzen Gestell trägt, oder?), sie kann sich die Wendung »meine Liebe« nicht abgewöhnen, auch das »schrecklich, wer hat denn so was schon gehört« nicht und das »aber sicher, da ist auch mir der Mund offen geblieben«.

Ich habe keine Zeit darüber nachzudenken, ob ich sie nun liebe. So sehr mag ich sie. Was sie macht, das macht sie gut und immer zur rechten Zeit. Sie ist da, wenn sie da sein muss, und sie ist nicht da, wenn ich sie nicht brauche. Ich habe keine Zeit, sie zu lieben, denn sie gibt alles und behält nichts zurück, sie ist mein (in Budapest, Margarethenring), und doch wieder nicht (in meinen Träumen, Sehnsuchtsphantasien). Wenn ich träume, dann träume ich eher von der Verkäuferin im Supermarkt, wenn ich mich meinen Phantasien hingebe, dann sehne ich mich nach der Frau vom Arzt einen Stock über uns oder nach seiner Tochter. Ich kann nie entscheiden, wer wer ist, ich höre immer nur ihre Stimmen und sehe fast immer nur ihre Rücken. Eine läuft stets die Stiegen hinunter, an unserem Küchenfenster vorbei, weil auf sie unten schon ein Auto wartet. Das Auto brummt, der Motor heult auf, und sie rasen davon – deswegen denke ich, dass es doch eher die Tochter ist. Doch bin ich mir nicht ganz sicher, da einmal der Arzt hinunter gelaufen ist, und genau das gleiche Auto brummte, sein Motor aufheulte und es davonraste.

Meine Frau drängt jedem Gast Pudding auf, mir scheint, sie hortet in einer hinteren Ecke des Kühlschranks Pudding, der für mehrere Wochen reicht.

»Ach, wozu denn?« fragt die Frau mit ihrer eigenartigen Freundlichkeit, während sie nur mich anschaut – mit verführerisch großen Pupillen –, das heißt ich vermute es, mein Kopf ruht nämlich auf meiner Brust, absichtlich habe ich mich angepatzt, um mich beschäftigen zu können.

Pudding ist eine dankbare Sache, damit kann man sich leicht anpatzen und ihn dann gut verschmieren, wenn man ein bisschen ungeschickt tut. Und er hinterlässt auch seine Spuren, ganz so, als wäre er eine ernste Sache. Meine Frau drängt jedem Gast Pudding auf, mir scheint, sie hortet in einer hinteren Ecke des Kühlschranks Pudding, der für mehrere Wochen reicht. (Wir haben selten Gäste: Alle halben Jahre einen, jedes Jahr zwei, alle anderthalb Jahre drei – und immer ist es der gleiche Gast: die Mutter meiner Frau.)

»Ich schlafe sehr gern mit deinem Mann.«»Die Frau ist vielleicht ein bisschen ordinär«, meint meine Frau. Ich würde sie eher mutig nennen, und dafür bewundere ich sie. Mir ist es völlig schleierhaft, wie jemand so selbstbewusst, hübsch und auch noch frech sein kann.

Die Frau, mit der ich ständig schlafen sollte, versteckte mit durchdachter Zufälligkeit einen kleinen Zettel mit ihrer Adresse in meinen braunen Halbschuhen im Vorzimmer. Sie achtete darauf, dass ich ihn auf jeden Fall bemerkte: Ein kleines Saures Drop legte sie neben den Zettel. Leider hatte sie dieses Drop vorher schon im Mund gehabt, deswegen blieb es in meinen alten, aber sehr bequemen Schuhen kleben, und ich hatte lange mit ihm zu kämpfen.

»Bis du zurückkommst, ist die Milch aus«, herrschte mich meine Angetraute an.

Und wirklich: Schon eine viertel Stunde versuchte ich das Saure Drop aus dem Schuh zu kratzen, doch die Angst meiner Frau, dass die Milch ausgehen könnte, war unbegründet. Als wir noch auf dem Land lebten, ist es wahrlich ab und zu passiert, dass die gewiefteren jungen Kundinnen, alle Milch schon aufgekauft hatten, bis ich es ins Geschäft schaffte. Doch das war niemals ein wirkliches Problem, da ich keine Milch trinke (ich bekomme Durchfall davon) und meine Frau sie den Katzen gab; die waren aber stets mit allen möglichen Delikatessen versorgt, so dass sie kein einziges Mal in das bis zum Rand gefüllte Milchschüsselchen hineinleckten.

Und dann zogen wir vor einem Jahr in die Stadt, weil meine Mutter gestorben war. Sie hatte uns eine große Wohnung hinterlassen, unser Haus im Dorf wollte sich ohnehin schon lange schlafen legen. Elefanten sinken so um, wenn man sie erschießt, wie die Mauern unseres Hauses umgesunken sind. Die Elefanten habe ich im Fernsehen gesehen. Meine Mutter war 87 gewesen, glücklich, und hatte ein loses Mundwerk gehabt. Sie hatte sich sogar im Krieg wohl gefühlt,  nie hatte sie jemanden oder etwas verloren, einzig und allein ihr eigenes Leben.

Die Wohnung ist schön, groß und hell. Die Katzen konnten wir nicht mitbringen, trotzdem muss ich weiterhin jeden Morgen Milch besorgen. Ich frage erst gar nicht, warum. Einen Liter Milch jeden Tag können wir uns ja leisten. Meine Mutter war Schauspielerin (böse Zungen sagen: Freudenmädchen) und sie hat uns viel Geld hinterlassen. Um sieben in der Früh stehe ich auf, schlurfe die Stiegen hinunter, in der Hand eine Packung Milch, die ich Tage zuvor gekauft habe, sie ist sauer, sie wurde gar nicht geöffnet; dann geh ich ins Geschäft an der Ecke und kaufe ganz, ganz langsam ein.

„Meine Mutter war Schauspielerin (böse Zungen sagen: Freudenmädchen) und sie hat uns viel Geld hinterlassen.“

Ich darf mich nicht beeilen. Meine Frau, ich weiß nicht, ob das natürlich ist oder nicht, spielt jeden Morgen ein wenig mit sich selbst. Sie ist 58, trägt Brillen mit einem dicken, schwarzen Gestell, vielleicht ist sie ein wenig unglücklich. Einmal hab ich beschlossen, sie zu fragen, ob sie wirklich macht, was ich glaube, doch dann hab ich mich nicht getraut. Sie sah gerade fern, und da hört sie nie, was ich sage, der Fernseher brüllt ganz laut. Mit 58 hört man nicht mehr so gut. Einmal, als ich noch nicht wusste, dass ich am Morgen immer langsam einkaufen muss, war ich nach ein paar Minuten wieder aus dem Geschäft zurück. Ich hetzte nach Hause, um die Milch gleich in den Kühlschrank stellen zu können, da hörte ich ein eigenartiges Schnaufen, ein Röcheln im Schlafzimmer. Ich blickte durch die Schlafzimmertür, langsam und vorsichtig, um meine Frau nicht zu erschrecken, ich dachte mir, vielleicht träumt sie schlecht oder regt sich gerade über irgendeine Fernsehsendung auf. Doch sie schlief nicht. Sie sah nicht fern. Sie stand vor dem Fenster, hatte ihr Nachthemd hochgezogen, hielt es mit der linken Hand, mit der anderen wühlte sie in ihrer Unterhose. Die Knie hatte sie ein wenig abgewinkelt, und während sie in ihrem Schritt rubbelte, beobachtete sie irgendetwas ganz angestrengt. Ich stellte mich neben sie – nicht um sie zu ärgern, verstand ich doch in diesem Moment noch nicht genau, was sie da machte –, ich dachte mir, sie hätte ein Problem und bräuchte vielleicht meine Hilfe. Sie winselte immer schneller und lauter, prustete, drückte ihre Knie zusammen und atmete aus, langsam und lange, ihr Kopf sank auf die Brust. Ich dachte, sie hätte einen Herzanfall. Doch nachdem ich schon neben ihr stand, blinzelte auch ich durch den Vorhang, und da sah ich, dass im Haus gegenüber ein junger, durchtrainierter Junge Gewichte stemmte, auf einer Laufmaschine rannte und schließlich sich an einer Stange hochzog, unzählige Male, als ob man ihn dafür bezahlen würde.

Meine Frau war schrecklich verlegen, als sie bemerkte, dass ich neben ihr stand, doch ich tat so, als hätte ich nichts gemerkt, setzte mich ins Fauteuil und begann mich zu beklagen, wie viel Hundescheiße immer auf dem Trottoir herumliegt. Sie aber nickte verständnisvoll und zog sich schnell an.

Seitdem kaufe ich ganz langsam ein, lasse mir Zeit, und wenn ich doch zu bald nach Hause komme, setze ich mich im Vorzimmer hin, spiele einige Zeit mit meinen Schuhbändern, als ob sie verknotet wären. Manchmal sind sie es wirklich.

Die Frau, mit der ich ständig schlafen muss, ist die Mutter dieses Turnerjungen. Einmal haben wir uns in der Früh im Laden an der Ecke getroffen, eigentlich hat sie mich getroffen, mit ihrem Einkaufswagen abgeschossen, und so sehr ich auch versuchte, mich zu fangen, es gelang mir nicht. Ich stürzte in die Tiefkühltruhe, in der glücklicherweise noch keine polaren Temperaturen herrschten, weil man im Geschäft an der Ecke die Gefriertruhe über Nacht immer ausschaltet, um Strom zu sparen. Die Frau half mir aus den am Abend noch gefrorenen, doch in der Früh schon ein wenig saftigen Hühnern, Erbsen und Eislutschern zu steigen und lächelte mich an. Mit einem um Verzeihung bittenden Gesicht. Ich kann schwer beschreiben, wie so ein Gesicht aussieht. Ich versuche mich an diesem Gesichtsausdruck immer vor dem Badezimmerspiegel, doch er will mir irgendwie niemals gelingen., Ich rede lieber: Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich um Entschuldigung bitten will.

Sie begleitete mich dann nach Hause, schnatterte über sich selbst, gleich stellte sich heraus, wessen Mutter sie ist. Ich verschwieg ihr natürlich welche besondere Beziehung mich mit ihrem Sohn verbindet. Ich will mein Leben nicht verkomplizieren. Es ist schon so kompliziert genug.

Eigentlich hab ich kein Problem mit unseren Liebesspielchen. Ich habe mir eine Monatskarte gekauft, mit der Straßenbahn bin ich in zwanzig Minuten bei ihr, sie empfängt mich in leichter Kleidung, reißt mich zu Boden, setzt sich auf mich und nach zwei oder drei Minuten Herumgewetze sind wir auch schon fertig, sie kommt sehr schnell, manchmal kreischt sie dabei, sie lobt meine Männlichkeit, dass ich trotz meines Alters allzeit bereit bin. So ist es auch. Ich weiß nicht warum, doch er wird steif, wenn er steif werden muss. Doch zu mehr ist er nicht imstande. Meine einzige Freude ist die Freude der Frau, die ständig mit mir schlafen will. Zuerst fragte sie noch, ob es eh nicht schlimm sei, dass es nur für sie gut war, und ich meinte, ach was, das ist schon in Ordnung, ich freue mich, dass ich überhaupt noch gut für etwas bin, gut für irgendjemanden.
Dann gewöhnte sie sich diese Fragerei ab: Sie macht die Tür auf, setzt sich auf mich, rutscht hin und her, her und hin, wälzt sich von mir herunter auf den Rücken, liegt auf ihrem großen französischen Doppelbett und beschwert sich über ihren Mann, der vor gar nicht all zu langer Zeit gestorben ist. Ich fragte sie, wann? Und sie meinte, letzte Woche, genauer: am Samstag. Mir kam die Sache merkwürdig vor, doch ich fragte nicht weiter, denn wenn man über fünfzig ist, ist es besser, nichts mehr zu hinterfragen; jeder Tag ist dann ein Geschenk, jedes Erlebnis ist ein Geschenk, jede Frage, die man nicht stellt, ist einem Wegzehrung, Nahrung für den Rest des Lebens. Über fünfzig lernt man die Welt durch Fragen kennen, nicht durch Antworten – und man gewöhnt sich ab, die sich sehr selten stellenden Fragen auszusprechen. Denn diese Fragen könnte dann irgendjemand vielleicht doch beantworten und vorbei ist es mit der Zehrung für den restlichen Lebensweg, der ganze Zauber wär‘ verloren.

Deswegen fragte ich die Frau, mit der ich ständig schlafen muss, nicht einmal wie sie heißt, was sie arbeitet, warum ihr Sohn so viel vor dem offenen Fenster trainiert, ob sie Enkel hat, Vater, Mutter. Ich beschränke mich auf Aussagesätze, auf friedliche Hauptsätze, und sie hat damit kein Problem.
Nur eines ist eigenartig: dass ich daran nichts Eigenartiges finde.

Bloß eines möchte ich: Ich möchte die Frau, mit der ich ständig schlafen muss, ersuchen, mir am Dienstag und am Donnerstag einen Ruhetag zu gönnen und sie am Sonntag ein wenig später besuchen zu dürfen; statt – wie üblich – um vier, sagen wir – um fünf Uhr. Am Dienstag ordiniert unser Bezirksarzt, ich würde ihn öfter `mal aufsuchen, denn über fünfzig gibt es immer etwas, das zwickt, und das man richten lassen kann. Am Donnerstag treffen sich immer Buben am nahen Schulsportplatz und spielen Fußball – ein, zwei Stunden lang. Und ich wäre ihr einziger Zuschauer. Es wäre schön, wenn ich dorthin gehen, ein wenig mitfiebern könnte. Und Sonntag, fünf Uhr – nur der Abwechslung wegen, denn es ist wichtig, dass sich die Tage voneinander unterscheiden.

Aber ich glaube nicht, dass ich ihr das alles sagen werde, denn in letzter Zeit wird die Frau, mit der ich ständig schlafen muss, immer nachdenklicher. Einmal hat sie sogar geweint, ein anderes Mal mampfte sie eine riesige Tafel Schokolade, als ich ankam, sie setzte sich nicht auf mich und wimmerte nicht vor Lust. Irgendwas Seelisches. Oder die Wechseljahre.

Ich glaube, sie ist Malerin. Einmal waren ihre Hände voller Farbe, und sehr viele Bilder hingen an den Wänden. Und dann waren auf einmal alle verschwunden und sie plärrte, legte ihren Kopf in meinen Schoß und ich erschrak, weil ich dachte, sie wolle mein Ding in den Mund nehmen; doch sie heulte nur. Trotzdem war meine Hose nachher voller Flecken und den ganzen Weg nach Hause versuchte ich, sie zu putzen. Denn da glaubt man gleich, dass so alte Männer wie ich sich anpinkeln. Und da ist was Wahres dran. An allem ist was dran, was Wahres. So schaut es aus.

Na, die Frau, mit der ich ständig schlafen muss, heißt Sarah. Was nämlich, wenn ich mich nicht irre, denn ab und zu irre ich mich, hier in der Stadt bleibt einem kaum Zeit zum Denken, man muss immer aufpassen, wann man aus der Straßenbahn aussteigen muss, ob einen der Gemüsehändler mit dem Rossschwanz, den er mit einem Gummiring zusammengebunden hat, nicht übers Ohr haut, ob nun die Ampel am Zebrastreifen wirklich grün leuchtet, oder nur mir wieder schwindlig ist, dann erscheinen kleine grüne Flecken vor meinen Augen – ich bin nicht mehr ganz in Ordnung, so schaut es aus, das hab ich schon gesagt, oder?, dass an allem etwas Wahres dran ist. Also, der Name Sarah bedeutet, wenn ich mich nicht irre, auf Hebräisch oder Keltisch, was weiß ich – die Herrin. Sarah ist die Frau von Abraham, die Mutter von Isaak. Na, was soll ich da noch sagen? Da ist es klüger zu schweigen, sonst stellt mich der Herr noch auf die Probe, zum Teufel mit der Probe. Meine Mutter hat das immer gesagt: Zum Teufel mit der Probe. Das hab ich schon erzählt, nicht wahr? Dass sie Schauspielerin gewesen ist. Oder Hure, wer weiß. Sie mochte die Proben nicht. Was würde geschehen, wenn der Herr mich auf die Probe stellen würde? Ich würde durchfallen. Doch bei dieser Herrin namens Sarah, besteh ich die Probe noch! Die Herrin, mit der ich ständig schlafen muss. Das hab ich doch erzählt, oder?

Also, mir ist nur mehr Isaaks Frage eingefallen, die er seinem Vater gestellt hat, als sie auf den Berg, zur Opferstätte gingen:

»Wo ist das Opferlamm?«

»Gott wird schon dafür sorgen.«

»Warum immer Gott ins Spiel bringen? Kannst nicht du mir antworten?«

»Ich muss handeln, nicht antworten.«

Na klar, alles Weitere ist eine Hollywood-Geschichte mit Happy End und allem drum und dran, und Gott ruft herab vom Firmament, er übt Nachsicht. Nicht so die Fahrkartenkontrolleure. Mich haben sie vor ein paar Tagen in der Straßenbahn bestraft, obwohl ich eine Monatskarte hatte. Nur hab ich sie nicht gefunden, sie war ganz unten in meinem Plastiksack, unter den Paradeisern, den Paprika, der Milch. Wie sie dorthin gekommen ist, das weiß ich nicht. Ich stecke sie immer in meine linke Hinterntasche.

Mich interessiert einzig noch, was das Leben von mir will. Denn ich will von ihm nur mehr eines: Wissen, was es von mir will. Das Leben wäre sicher ein ganz interessanter Mensch, wenn es ein Mensch wäre. Ich könnte viel über ihn erzählen. Mich mit ihm zu unterhalten, das wäre schwierig. Über ihn erzählen, das ginge. Ich hätte viel zu erzählen.

Was kann ich verlieren… Vielleicht erhört mich diese Sarah irgendwann einmal. Bis jetzt ist sie nur einen kleine Last, diese Sarah. Ein Rucksack. Ein Ruck-Isaak. Hätte ich einen Freund, würden wir darüber lachen. Doch ich habe keinen.

Übersetzung Cl. Prinz


Von Redaktion

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