Von András Dániel

Keiner weiß warum, doch jeden Winter gibt es eine Nacht, in der Anna und Josef Nussbaumer dasselbe träumen: Draußen herrscht ein wunderschöner, von Vogelgezwitscher eingerahmter Frühling, schmeichelnd bläst mild der Zephyr, die Sonne lugt zwischen dunstumrankten, federleichten Wolken hindurch und malt mit weichen, pfützengleichen Lichtklecksen das stechend grüne Gras der Hügel (oder ein Gestrüpp, vielleicht eine Wiese voller Löwenzahn) bunt an.

Anna und Josef wachen dann plötzlich auf und beschließen umgehend, dass sie wegen des schönen Wetters das geplante Großreinemachen (den Wochenendeinkauf, vielleicht die Leergutrückgabe – was gerade ansteht) verschieben und lieber einen Ausflug machen. Sie bereiten gleich auch die notwendige Ausrüstung vor: Wanderschuhe, Thermosflasche, Schweizermesser, zusammenklappbare Campingbecher. „Ich koche Kaffee und nach dem Frühstück können wir sofort aufbrechen“, sagt Anna Nussbaumer mit den immer gleichen Worten zu Josef. „Ich lüfte derweil durch“, antwortet er, auch immer genau gleich und zieht den Vorhang im Schlafzimmer beiseite. Da sieht Herr Nussbaumer, dass man nicht im Entferntesten von gutem Wetter sprechen kann. Als sei das nicht genug, ist alles von Schnee bedeckt, wie wenn man ein großes, weißes Blatt Papier vors Fenster gehängt hätte, auf dem mit weißer Kreide eine unsichtbare Landschaft gemalt ist. „Draußen ist gar nichts“, sagt dann Herr Nussbaumer, wie jemand, der gerade aufwachte. „Was meinst du?“, schreit Anna aus der Küche hinüber. „Draußen ist nichts“, wiederholt Josef Nussbaumer lauter. Da kommt Frau Nussbaumer aus der Küche herüber, stellt sich neben Herrn Nussbaumer und auch sie sieht es: Draußen ist nichts außer einem großen, weißen Nichts. Ein leerer Morgen aus Zeichenpapier. „Dann legen wir uns halt wieder hin“, sagt Anna Nussbaumer und zupft frierend ihren Morgenmantel zurecht. „Gut“, sagt Josef und zieht enttäuscht den Vorhang zu. Und sie legen sich – es ist immer der gleiche Schluss – zurück ins Bett.

Von Redaktion

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