Eine Kunstschule für Kinder für mehr Chancengleichheit

Von Clemens Prinz

30 Jahre nach der politischen Wende in Ungarn ist alles schlimmer als zuvor. Fast ein Viertel der Ungarn ist arm oder armutsgefährdet. In nicht wenigen Dörfern im ganzen Land herrscht nach elf Jahren Orbán-Regime keine Aufbruchsstimmung mehr, sondern Angst und Aussichtslosigkeit. Eine Stiftung im ostungarischen Berettyóújfalu versucht mit Kunst dagegen anzugehen. Sie verhilft Romakindern zu Erfolgserlebnissen und Selbstvertrauen.

Solche kleinen Kunstwerke entstehen in der Schule der Igazgyöngy-Stiftung

Die Ärmsten der Armen, zum größten Teil Roma, wurden vom Staat vergessen und aufgegeben. Während die Freunde Orbáns sich mit dem Geld der Steuerzahler die Taschen stopfen, fehlt es in der Provinz am Notwendigsten. Nicht nur an Chancen und Arbeit mangelt es dort, sondern auch an Heizmaterial und Kleidung. Ja, viele wissen oft nicht einmal, wie sie in den nächsten größeren Ort zum Arzt kommen sollen, oder um einzukaufen, denn Busse gibt es lang schon keine mehr.

Alte Zeiten

Die traditionellen Roma-Handwerke wie Korbflechten, Ziegelschlagen, Kesselschmieden, Löffel- und Trogmachen braucht schon lange keiner mehr, das Wissen ist auch kaum noch vorhanden. Man kann sich nur mehr als Hilfsarbeiter verdingen. Der heute so verteufelte Kommunismus hatte durchaus etwas Gutes: Durch die Arbeitspflicht hatten alle ein fixes Einkommen. Roma waren in großer Zahl in der Schwerindustrie tätig, bei staatlichen Unternehmen oder bei den Landwirtschaftlichen Produktionsgesellschaften. Sie wurden von den Nicht-Roma respektiert, hatten Aufstiegschancen. Die Kinder gingen gleichberechtigt in die staatlichen Schulen, Roma erhielten dieselbe medizinische Versorgung und auch Gemeindewohnungen. Mit dem Schritt in die „Freiheit“ vor drei Jahrzehnten war es mit den annähernd gleichen Chancen ziemlich rasch zu Ende. Heute leben Roma zumeist von der Hand in den Mund, stehen oft in einer Art Leibeigenenverhältnis zur lokalen politischen Elite und finden in verschiedenen Schulen – alleine wegen ihrer Abstammung – keine Aufnahme. Wegen der Segregation in staatlichen Schulen wurde Ungarn schon 2013 vom Menschenrechtsgerichtshof verurteilt. Heute haben dennoch mehr als 400 Schulen reine Roma-Klassen. In Ostungarn nehmen manche kirchlichen Schulen keine Romakinder auf. Natürlich nicht offiziell. In vielen Krankenhäusern gibt es „Zigeunerzimmer“. Natürlich nicht offiziell. Aber jeder weiß es und auch im EU-Bericht zur nationalen Roma-Integration finden diese Ungleichheiten Erwähnung. In viele Lokale werden Roma nicht eingelassen. Natürlich nicht offiziell. Aber jeder weiß es.

Neue Leibeigenschaft

Die Orbán-Regierung hat sich zur – wie es offiziell heißt – „Bekämpfung der Arbeitslosigkeit“ 2011 ein Programm ausgedacht, das keine Chancen schafft, sondern Leibeigene. Die Gemeinden bieten Arbeitsdienste, die sehr schlecht bezahlt werden (rund 120 Euro im Monat für 40 Std./Woche). Diese Dienste müssen gemacht werden, sonst fällt die Familie um alle möglichen weiteren Beihilfen um. Es darf aber immer nur eine Person der Familie arbeiten, und das nur jedes halbe Jahr für ein paar Monate. Die Arbeitsdienstler haben meist sinnbefreite Arbeiten zu erledigen oder arbeiten für Steuergeld privat für den Bürgermeister. Das Unwesen geht in vielen Dörfern so weit, dass die Arbeitsdienstler sich bei Wahlen mit dem „richtig“ angekreuzten Stimmzettel zu fotografieren haben, sonst gibt’s weder Arbeit noch Brennholz oder Erdäpfel. Auch bei den Gemeinderatswahlen heuer im Oktober wurden einige dieser Fälle bekannt. Der Ausdruck „Arbeitsdienst“ (közmunka) mag schlechte Erinnerungen wecken. Wenn man weiß, dass die Arbeitskräfte laut Gesetz (2011/CVI) an Einsatzorte verbracht und dort einquartiert werden können, scheint diese Übersetzung aber dennoch passend. Das ist Ungarn 2021.

Selbstachtung und Selbstermächtigung

Einige private Initiativen versuchen sich an der Hilfe zur Selbstermächtigung der in Ghettos lebenden chancen- und aussichtslosen Roma. Bei „Ghettos“ ist nicht nur an Stadtbezirke oder Wohnviertel zu denken, sondern mitunter an ganze Landstriche. Das Gebiet um die ostungarische Kleinstadt Berettyóújfalu ist so ein Landstrich mit vielen aus der Gesellschaft gefallenen Menschen. Wo große Armut und Aussichtslosigkeit herrschen, gibt es kaum Eigeninitiative. Armut lähmt. Armut macht dumm. Armut macht dick. Armut wird vererbt und weitergegeben.

Nóra L. Ritók: Pädagogin, Künstlerin und Expertin für Chancengleichheit

Unweit der rumänischen Grenze hat sich also eine kleine Stiftung, von der Volksschullehrerin und Grafikerin Nóra L. Ritók vor 20 Jahren ins Leben gerufen, zur Aufgabe gemacht, Kinder für das Durchbrechen dieses Teufelskreises fit zu machen. „Wegen meiner Arbeit kam ich immer schon in viele Dörfer. Dass in manchen unvorstellbare Armut herrschte, Verhältnisse wie vor hundert Jahren, konnte ich zuerst nicht glauben“, erzählt Nóra L. Ritók. „Wenn man hungernd und frierend aufwächst, es am Notwendigsten fehlt, ist es kein Wunder, wenn die Kinder in der Schule nicht mitkommen. Dass sie durch die Schule stolpern und irgendwann einfach nicht mehr hingehen. Dabei wäre Bildung ihre einzige Chance. Das war mir schon in den 1990er Jahren klar. Damals unterrichtete ich in der Volksschule Berettyóújfalu in der ,C‘-Klasse, der ,Zigeunerklasse‘. Ich zerbrach mir den Kopf, wie ich sie motivieren könnte. Mit den Methoden, die man mir auf der Pädak beigebracht hatte, hatte ich keinen Erfolg“, erklärt die Kunstpädagogin.

„Viele verstehen es nicht. Was denn nun bildende Kunst mit Integration zu tun hat? Sie denken, dass wir nur ein wenig herummalen. Was wir machen, ist aber unheimlich wichtig. Weil es den Kindern ein Gefühl gibt, das ihnen keine andere Tätigkeit in solchem Maße zu geben imstande ist. Das Malen gibt jedem das Gefühl, dass man etwas wert ist, das jeder Wunder vollbringen kann und jeder eine einzigartige Persönlichkeit ist. Unabhängig von Geschlecht, Abstammung, gesellschaftlicher Situation. Vermitteln und glauben machen. Zur Arbeit erziehen. Kraft geben. Stolz machen.“

Nóra L. Ritók

Von der Zeichenschule zur Hilfsorganisation

 „Es bedurfte kindergerechter, individueller pädagogischer Methoden, außerdem muss man die Kinder im Unterrichtssystem halten, und möglichst in integrierten Klassen. 1999 hatte ich dann verstanden, dass ich meine Vorstellungen nur innerhalb einer eigens organisierten Schule verwirklichen kann. Ich gründete die Stiftung Igazgyöngy („Wahre Perlen“), in deren Rahmen die Kunstschule startete. Auch heute noch sind wir ständig in den Dörfern unterwegs, da die benachteiligten Kinder nur vor Ort greifbar sind. Unser Unterricht erfolgt nicht statt der staatlichen Schule, sondern ergänzend dazu. Er ist freiwillig und glücklicherweise kommen die meisten Kinder immer wieder. Wir achten sehr darauf, dass sie ganz viele Erfolgserlebnisse haben. Dadurch werden sie von Mal zu Mal begeisterter und besser, wahre Perlen entstehen unter ihren Händen“, sagt Ritók begeistert. „Was wir anders machen als allgemein im Zeichenunterricht – ist die Tatsache, dass wir unsere Bilder schrittweise, gemeinsam anfertigen. Wir erfinden Geschichten, besprechen die Dinge, auch das Alltagswissen wird in unseren Stunden vermehrt. Ein Beispiel: Herbstwald. Ich erzähle eine Geschichte von einem Förster, der eine Baumart besonders mochte. Damit pflanzte er alles voll. Und wie gut die Luft in seinen Wald war! Zuerst hat jetzt jeder einen Hügel zu zeichnen. Dann malt jeder auf ein anderes Blatt einen Baum. Wir besprechen, welche Bäume es gibt, wie sie aussehen, wie sie wachsen. Der Baum wird ausgeschnitten und dient als Schablone. Mithilfe der Schablone wird nun der Hügel bepflanzt. Vor dem Hügel findet das Forsthaus Platz und was jedes Kind noch so hinmalen will. Dann reden wir über Raureif. Was das ist, woher er kommt. Auf die Bäume, das Haus malen sie mit Deckweiß Reif.“

Die kleinen Künstler werden nie unbegleitet in eine Aufgabe gedrängt.

Als Nóra L. Ritók mit den eigenen Methoden zu unterrichten begann, gab es viele Zweifler und vor allem Unverständnis. Viele verstanden nicht, was Zeichnen und Malen mit der Schaffung von Chancen zu tun hätte. Das Konzept hinter dieser Art des Unterrichts ist die Förderung von Selbstachtung und Selbstvertrauen, der Kraft, um später aus dem ewigen Kreis von Armut und Elend auszubrechen. Dass naive Meisterwerke, die aus dem Motivschatz der Roma schöpfen, entstehen, ist nur ein Nebeneffekt. Meisterwerke, die Jahr für Jahr international zahlreiche Preise einheimsen wie beim 46. Internationalen Kinderkunstwettbewerb in China. Auch vom Papst wurde Nóra L. Ritók mit einigen ihrer Zöglinge schon empfangen.

Zerfallene Gemeinschaften

„Kurz nachdem wir mit unserem Unterricht begonnen hatten, erkannten wir, dass es nicht reichte, den Kindern Erfolgserlebnisse zu bescheren. Sie brauchten auch zu essen, Brennholz, warme Kleider. Darum suchten wir nach weiteren Geldgebern und veranstalteten Sammelaktionen. Diese Hilfe gefiel aber den Wucherern und anderen, die aus der Armut Profit schlagen, nicht. Wir wurden zu Beginn oft bedroht, man versuchte uns einzuschüchtern. Wir waren sogar mit Polizeischutz unterwegs, denn in zerfallenen Gemeinschaften gibt es keine Moral mehr, das war auch hier so“, erklärt Ritók. „Wir sind dort, wo der Staat versagt. Und auch ihm gefällt das anscheinend nicht. Uns wurde schon 2012 der Großteil der staatlichen Mittel gestrichen, seit 2015 bekommen wir überhaupt nichts mehr.“

Die Stiftung Igazgyöngy arbeitet dennoch tatkräftig am Wiederaufbau der Gemeinschaften, an der Verbesserung der Lebensumstände in den sechs Dörfern um Berettyóújfalu, in denen sie tätig ist. Dabei helfen eigene Projekte. Eines davon ist die Erzeugung von Bioheizbriketts, mit denen gleichzeitig die Heizprobleme der Roma abgemildert werden. Im Rahmen des Projekts Szuno („Traum“) werden von der örtlichen Roma-Bevölkerung Bilder, die von den Kindern im Kunstunterricht angefertigt wurden, auf Polster, Einkaufstaschen, Schürzen gestickt, die im Webshop der Stiftung erworben werden können. Neuerdings werden auch Seidentücher bemalt, die von der österreichischen Firma Freywille vertrieben. Die Stiftung Igazgyöngy wird inzwischen vom ungarischen Staat besonders beobachtet, da sie Unterstützung aus dem Ausland erhält. 2017 verabschiedete man ein Gesetz nach Vorbild Putins, das Zivilorganisationen mit Auslandsbeziehungen verdächtig macht. „Wenn unsere Arbeit auch schwer sein mag, sie sorgt für viel Freude und leuchtende Kinderaugen. Wir beeinflussen das Leben von rund 1.200 Familien in eine positive Richtung“, meint Nóra L. Ritók abschließend: „Und das ist jede Mühe wert.“

Ursprünglich erschienen in dROMa, Nr. 57/2019

http://IgazgyongyAlapitvany.hu

Alle Fotos von Igazgyöngy Alapítvány

Von Redaktion

Ein Gedanke zu „„Kraft geben, stolz machen“ / „Sor te del, barikano te kerel“ – Internationaler Roma-Tag“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code