von András Cserna-Szabó

Ob in unserer Stadt die Menschen glücklich sind? Ich habe kein Ahnung. Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht einmal, was Glück bedeutet. Natürlich hab ich schon Philosophen bemüht. Doch dieses Denkerheer ist ein ziemlich verrücktes Völkchen: Sie reden herum, oft völlig unverständliche Sachen und sind auch stets streng mit den Ideen ihrer Kollegen, mit sich selbst aber üben sie immer größte Nachsicht. Einer der berühmten Denker schreibt zum Beispiel, dass es Glück nicht gebe. Dann aber legt er dar, wie man glücklich sein kann: „…während wir die Utensilien des Glücks zusammenklauben, sind wir glücklich.“ Der Weg ist das Ziel also. Puff! Ein anderer (nicht weniger bekannter) schreibt: “Den kleinen Garten menschlichen Glücks hat Gott am Ende der Welt, auf vulkanischem Boden geschaffen.” Bums!

Wer zum Teufel versteht diesen Schmus? Außerdem gibt es mit den Philosophen noch ein weiteres bedeutendes Problem, nämlich dass die meisten von ihnen schon seit langer, langer Zeit tot sind. Darum besteht auch keine Möglichkeit, sie so lange zu ohrfeigen, bis sie uns endlich verraten, was sie denn nun wirklich gedacht hätten.

Frau Morafcsiks erste Trafik. Sie war ihr bald zu klein.

Ich, für meine Person, glaube, dass es Glück doch gibt. Habe ich doch schon glückliche Menschen gesehen. Die Verkäuferin der Gemischtwarenhandlung Morafcsik war glücklich. Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte: Frau Morafcsik war nicht einfach glücklich, das Glück selbst zeigte sich als Frau Morafcsik.
Tante Klotilde – so wurde sie, außer von ihrem Mann, von allen gerufen, vom Windelkind und auch vom Tattergreis. Sie wog fast vierhundert Kilo, auf ihrem schneeweißen Gesicht trieben rosarote Puderflecken wie gekräuselte Wolken am Maienhimmel, auf ihrem Kußmund schimmerte der rote Lippenstift, ihre smaragdgrünen Augen glänzten wie die einer Katze, ihr Kraushaar war der barocke Goldrahmen all ihrer Schönheit. Doch das Wunder ihres Gesichts wurde von ihrem Dekolleté noch übertroffen! Die samtige Haut, die über ihren sackgroßen Brüsten begann und am weichen, fetten Hals auslief, zog die Blicke der Männer auf sich wie das Aas die Hyänen. Jeder Mann, der dieses Dekolleté erblickt hatte, um den war es geschehen. Er konnte seine Augen von diesem üppigen Anblick nie mehr befreien, er stand nur da: bewegungslos, verhext, mit dem Boden verwachsen.

Tante Klotilde füllte alleine die wohnzimmergroße Gemischtwarenhandlung (an der Ecke Jungferngasse – Herzgasse), die von einigen schlicht Klotild-Trafik genannt wurde. In diesem Geschäft gab es keine einzige Ware. Tante Klotilde zwängt sich morgens um neun ins Geschäft, dann hatte nichts mehr Platz, die Trafik war zum Bersten gefüllt, nicht einmal eine Zündholzschachtel hätte man noch hineinpressen können. Deswegen trat auch nie ein Kunde über die Schwelle der Gemischtwarenhandlung Morafcsik. Man öffnete nur die Tür – das Glöckchen bimmelte zögernd – und wenn man bei dem Anblick überhaupt in der Lage war zu sprechen, schrie man in den Laden, wonach man auf der Suche war.

– Ich suche ukrainische Rasierklingen – sagte einer.
– Hamma nicht – Frau Morafcsik lächelte magisch und über ihr Gesicht huschte das Glück.

Ein anderer suchte einen englischen Regenmantel, so einen, der mit Wollfett eingeschmiert ist und den Regen abperlen läßt.
– Hamma nie gehabt – lachte Tante Klotilde und das Glück glitzerte schelmisch in ihren Augen.

Dann gab es Buben, die sich nicht trauten, alleine die Tür zur Klotild-Trafik aufzumachen. Sie schlossen sich zu Banden zusammen, erst dann besuchten sie Frau Morafcsik.
– Küss die Hand, Tante Klotilde – sie standen gebannt, schauten und stammelten –, Donald Duck Kaugummi suchen wir. Wir haben uns gedacht, dass vielleicht Tante Klotilde einen Donald Duck Kaugummi hat, weil, Sie müssen wissen, wir gerade einen Donald Duck Kaugummi brauchen würden…
– Werden wir nie haben – kicherte die Trafikantin und das Haus erbebte mit ihr, und das Glück schlug, wie ein starker Luftzug, die schwere Eichentür vor den Nasen der Jungen zu.

Doch nicht nur die Vertreter des männlichen Geschlechts besuchten die Gemischtwarenhandlung Morafcsik. Unter der Kundschaft (d. h. unter jenen, die etwas zu kaufen versuchten) waren auch viele Mädchen und Frauen. Sie schauten stets präzise geschminkt, mit modernsten Frisuren und sorgfältig zusammengestellten Kleiderkompositionen bei Tante Klotilde vorbei, wußte doch jeder in der Stadt, dass der Geschmack von Frau Morafcsik, was die weibliche Körperpflege anging, sehr verwöhnt war.

– Teure Tante Klotilde, ich möchte mich nur danach erkundigen, ob diese argentinischen Nylonstrümpfe schon angekommen sind? Sie wissen schon, dieses gestreiften, die man zum Tango tragen muss?
– Sind noch nicht angekommen, meine Liebe, und ich fürchte, dass sie heuer auch nicht mehr kommen werden – gurgelte Frau Morafcsik, und die Schweißperlen, dick und rund vom Glück, kullerten von ihrer Stirn in Richtung Ausschnitt, um sich dann zwischen ihren Brüsten zu verlaufen.

Und dann waren da noch die alten Böcke, deren Feigheit jene der kleinen Jungen noch übertraf. Den ganzen lieben Tag warfen sie ihre Kugeln im Park, auf dem kleinen Schlackenplatz, in dessen oberem linken Eck Béla IV. auf seinem Thron hockte, und dabei zerbrachen sie sich über nichts anderes den Kopf, als unter welchem Vorwand sie wohl bei Tante Klotilde vorbeischauen könnten.

– Küss die Pranke, Tante Klotilde, Allerteuerste! Uns würde interessieren, ob‘s hier Hubertusse gibt? Bitte, missverstehen Sie uns nicht, wir denken nicht an diese Likörkomposition, die mit allerlei Heilkräutern, so gegen den schlechten Magen, die man nach dem Schutzpatron der Jäger, dem heiligen Hubertus benannt hat. Nein. Die meinen wir nicht, sondern diese modischen Mäntel aus grünem Lodenstoff…
– Mangelware – lachte Frau Morafcsik ausführlich, um den wackeligen Alten die Möglichkeit zu geben, sich an ihr zu ergötzen. Über ihrem Kopf strahlte der Glorienschein des Glücks.

Man erzählte, dass Tante Klotilde mehrmals am Tag die Tür ihrer Trafik zusperrte, weil das angestaute Glück in ihr explodierte. Dann spürte die ganze untere Stadt die Beben, die das Freudengestöhn der Trafikantin auslöste. Diese Laute des Glücks brachten die Luster genauso zum Schwingen wie wirkliche Erdbeben. Vielleicht ist es kein Zufall, dass man im südlichen Teil der Stadt den Höhepunkt der Lust auch heute noch “Fleischbeben“ nennt.

Es gab keinen Menschen in der ganzen Stadt, der begreifen konnte, warum diese zum Glück geborene Frau einen überaus sauren, strengen und bigotten Mann, den Lukács Morafcsik, geheiratet hatte. Nach Ladenschluss kam ihr Gatte stets vors Geschäft und meinte Tag für Tag:
– Du wirst schon sehen, Tilde, der liebe Gott wird es dir schon zeigen, und wenn nicht Er, horribile dictu, dann reden sie über dich in der Sonntagspredigt!

Doch Frau Morafcsik hatte stets ihre eigene Antwort parat:
– Am Scheißhaus soll dich der Blitz erschlagen, Lukács! Ist jetzt auch so ein bißchen Glück schon Sünde? – und ihr Körper bebte vom Gelächter, so dass sie sich kaum durch die Türe zwängen konnte.

Als Tante Klotilde diese Welt verließ, meinten viele, mit ihr sei auch das Glück gestorben. So wie man beim Tod Matthias Corvinus‘ die Gerechtigkeit beweinte. Doch ich glaub das alles nicht. Tot das Glück, tot die Gerechtigkeit, und auch Gott – tot; das ist alles Philosophengeschwafel, nicht gesotten und nicht gebraten.

Das Glück lebt, danke der Nachfrage. Beweis genug dafür ist, was auf Tante Klotildes Begräbnis geschehen ist. Lukács bat den Fleischhauer, der gleich um die Ecke der Gemischtwarenhandlung Morafcsik seinen Laden hatte, die Grabesrede zu halten, war er doch in tiefer Freundschaft mit seiner verblichenen Gattin verbunden gewesen. Der Fleischhauer stellte sich zum Mikrofon, stand dort minutenlang und gab keinen Ton von sich. Morafcsik wurde immer nervöser, hielt es schließlich nicht mehr länger aus und fuhr den Fleischer an: Wo ist nun diese Rede, mein Herr?

Hamma nie gehabt – meinte der Fleischer kurz, und die ganze Stadt bog sich vor Lachen, und überall wackelten die Luster und klirrten die Fenster.

Aus dem Ungarischen von Clemens Prinz.

Von Redaktion

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