Unsere kleine Rundwanderung startet unter dem Viadukt von Biatorbágy, wo vor ziemlich genau 90 Jahren, am 13. September 1931 um 0.20 ein Sprengstoffattentat verübt wurde, bei dem der Nachtexpress von Budapest nach Wien entgleiste. 22 Personen, unter ihnen der Lokführer, kamen ums Leben. Um das Attentat rankt sich so manche Legende, fest steht aber, dass die Polizei am Tatort das Fragment eines Schreibens mit kommunistischem Inhalt („Arbeiter, ihr habt keine Rechte, aber wir werden sie für euch erkämpfen“) vorfand, worauf der Ministerpräsident Gyula Károlyi das Kriegsrecht verhängte und vorsorglich verschiedene Anführer der damals verbotenen Kommunistischen Partei einsperrte.

A biatorbágyi merénylet utáni helyszíni szemle
Fotograf: unbekannt; Bildquelle: Wikipedia

Kurz darauf aber bekannte der in Wien lebende Ungar Szilveszter/Sylvester Matuska, das Attentat verübt zu haben. Matuska wurde 1892 in Csantavér (heute Csantavir, Serbien) als Sohn eines Schumachers geboren. Sein Vater starb früh, und seine Mutter heiratete den Gesellen des Vaters. Der Stiefvater wollte den Sohn zu seinem Nachfolger ausbilden lassen, die Mutter hingegen wünschte, dass er Pfarrer wird. Matuska arbeitete als Kantor und Dorflehrer, war im ersten Weltkrieg Soldat, heiratete und arbeitete einige Zeit lang wieder als Lehrer in seinem Heimatdorf, wo er ein etwas ausschweifendes Leben geführt haben soll. Jedenfalls handelte er nach dem Krieg mit allem Möglichen und kam zu Vermögen. 1922 liess er sich zunächst in Budapest als Immobilienbesitzer und Ende der 1920-er Jahre in Wien nieder, wo er sein Vermögen schliesslich verlor und einen Offenbarungseid leisten musste.

Matuska soll unter den Schaulustigen vor Ort gewesen sein und sich als Überlebender des Zugsunglücks ausgegeben haben. Die Bombe, die aus bei der österreichischen Armee verwendetem Sprengstoff bestand, wurde vom Gewicht der Lokomotive des Schnellzugs nach Wien ausgelöst und sprengte den dritten Wagen in die Luft, wodurch der Zug entgleiste. Der Lokführer betätigte sofort die Notbremse, womit er den Reisenden in den letzten Wagen wohl das Leben rettete, er selbst aber fiel zusammen mit der Lokomotive, dem Gepäck-, drei Personen- und einem Schlafwagen in die Tiefe. Nach Fahrplan sollte kurz vor dem Personenzug eigentlich ein Güterzug die Strecke befahren, aber der war ausgefallen.

Die ungarische Polizei verfolgte zunächst die „kommunistische“ Spur und bezichtigte den „berüchtigten Kommunisten Márton Leipnik und seine Bande“, das Attentat verübt zu haben. Im Oktober 1931 aber befragte die Wiener Polizei auf Wunsch der ungarischen Kollegen Sylvester Matuska, der als angeblicher Passagier Schadenersatz forderte. Matuska, der des Öfteren einen sehr verwirrten Eindruck gemacht haben soll, wurde schliesslich von Österreich wegen zwei Eisenbahnattentaten bei Anzbach (in der Nähe von Wien) verurteilt und ein paar Jahre später nach Ungarn ausgeliefert, nachdem seine dort verhängte Todesstrafe in eine lebenslängliche Haftstrafe umgewandelt wurde (da die Todesstrafe in Österreich abgeschafft worden war, wäre Matuska ohne diese Strafmilderung nicht ausgeliefert worden). 1945 kam er in den Wirren des Kriegsendes frei und soll in seinem Heimatdorf Csantavér wirre politische Reden gehalten haben. Die jugoslawischen Partisanen sollen ihn mitgenommen und hingerichtet und in einem Massengrab begraben haben, oder aber die Rote Armee habe ihn befreit und im Koreakrieg eingesetzt – die schwache Datenlage setzt der Fantasie halt wenig Grenzen…

Aber kommen endlich zu unserem Spaziergang: Auf der Forrás utca folgen wir dem gelben Streifen zuerst der Strasse entlang, dann bei der Vogelquelle (Madár-forrás) zuerst rechts und kurz danach links in den Wald hinein. Nach insgesamt gut 2,7 km macht der Weg eine scharfe Rechtskurve, und es geht steil bergauf. Wer nach 200 m noch Puste hat, kann auch die Schneise nehmen und geradeaus weitergehen, wer lieber einen kleinen Umweg macht und dem gekennzeichneten Weg folgt, darf die Aussicht auf Biatorbágy bewundern. Nach einem weiteren Ab- und Aufstieg können wir erneut Ausblick geniessen (diesmal in eine andere Richtung), bevor der gelb markierte Wanderweg in einen roten übergeht. Nach weiteren 3 km treten wir aus dem Wald, und hier folgen wir der roten Markierung nicht weiter (sie führt nach Sóskút), sondern biegen rechts ab, gehen geradeaus (der Weg biegt rechts ab) und steigen zwischen den Häusern zur Hauptstrasse hinunter, wo wir rechts abbiegen und nach 500 m wieder rechts abbiegen und den Ürge-hegy hinaufspazieren. (Wer zum Umweg über die Landstrasse keine Lust hat, wählt bei km 6,8 das rote + und erreicht den Ürge-hegy am oberen Ende, wo unsere Route wieder auf den gekennzeichneten Wanderweg trifft.)

In den oberen Strassen des Ürge-hegy (z.B. in der Oportó utca) finden sich noch einige schöne bzw. ehemals schöne alte Weinkeller. Auf den Hügeln von Buda, Budafok und Bia(torbágy) wurde im 19. Jahrhundert flächendeckend Wein angebaut, bis die aus Amerika eingeschleppte Reblaus die Reben Ende des 19. Jahrhunderts vernichtet (etwa die Hälfte aller Reben im damaligen Ungarn soll der Reblaus zum Opfer gefallen sein).

Am oberen Ende des Ürge-hegy folgen wir dem roten + links in den Wald. Nach ein paar Metern mündet von rechts ein Weg ein, und ein paar Meter weiter vorn führt ein zugewachsener Pfad links ins Gebüsch zur Hild-pince (ältere Fotos und eine Skizze, wie die Kellerei ausgesehen haben könnte, hier), der Ruine einer Weinkellerei im hier ziemlich ungewöhnlichen klassizistischen Stil (47.4453N, 18.83071E). Es ist etwas unklar, warum der Keller den Namen eines österreichisch-ungarischen Architekten trägt. In Bia lebte keine Familie Hild oder Hidli (wie der Keller auch genannt wurde). Der Keller soll aber vor dem zweiten Weltkrieg einer schwäbischen Familie Hirl gehört haben, die nach dem Krieg ausgesiedelt wurde. Das Gebäude brannte noch im selben Jahr ab, was erklärt, warum nur der Keller selbst erhalten ist, das Gebäude, das darüber stand, hingegen nicht. Allerdings ist es nicht ganz unmöglich, dass tatsächlich auch eine Verbindung zum Architekten József/Josef Hild (1789–1867) besteht: der Stil der Kellerei entspricht eher dem der Hild’schen Gebäude als den hier üblichen Bauten, und als Architekt hatte Hild in der Gegend oft zu tun, da er für seine Bauprojekte Kalkstein aus dem benachbarten Sóskút verwendete.

Unser Weg führt an einer Brückenruine vorbei und trifft auf den roten Streifen, dem wir nun ziemlich lange folgen (nach rechts). Er führt uns zum „Nyakas-kő“, einem imposanten Felsen (den ich leider nicht fotografiert habe, da ich wg. akuter Höhenangst anderweitig beschäftigt war). Über dem Nyakas-kő führt unser Weg weiter über den Madár-szirt, wobei wir uns von der ziemlich grandiosen Aussicht nicht ganz ablenken lassen sollten, denn auch hier verstecken sich ein paar alte Weinkellerruinen im Gebüsch zu unserer rechten Seite. Danach wird es etwas langweilig, da wir durch ein Quartier mit alten Wochenendhäuschen spazieren. Wer noch nicht genug hat, umrundet auf dem roten Streifen den Mittelberg (Közép-hegy, ganze 242 m.ü.M.), wer lieber weiter will, nimmt die Abkürzung (rotes +) und trifft nach etwa 500 m wieder auf den roten Streifen, der zurück zum Ausgangspunkt unter dem Viadukt führt.

Anfahrt:
Auto: Beim Viadukt (Ybl Miklós sétány, Fő u. etc.) gibt es mehrere kleine Parkplätze.
ÖV: Vom Bahnhof Biatorbágy führt das rote + zum Viadukt.

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